Wolfgang Kröpp

 

Die Stellung des Wählers zur Politik

 

Der unselbständige Wähler der Soziologie

Früher haben die Wähler es den Soziologen bequem gemacht: sie stellten an den Urnen von selber jene Gliederungen – in Klassen, Schichten, Konfessionen usf. – wiederum her, mit denen die Soziologen ohnehin befaßt waren. Das Wählerverhalten schien sich zwanglos den soziologischen Kategorien zu fügen, und wer es »soziologisch erklären« wollte, mußte nur diese Übereinstimmung erklären. Und dies schien das – freilich aus anderen Zusammenhängen stammende –Konzept der »Bezugsgruppe« leisten zu können.

Angehörige von Klassen, Schichten, Konfessionen usf. haben im Alltag vor allem mit anderen Angehörigen der jeweils gleichen Gruppierung zu tun, und weil ihnen an deren »Achtung« gelegen ist, sind sie bereit, ihren »Verhaltenserwartungen« zu entsprechen, d.h. sie als »Bezugspersonen« zu behandeln. Die Bezugspersonen behandeln ihrerseits andere Angehörigen derselben Gruppierung als Bezugspersonen, und das erklärt, wieso bestimmte Erwartungen Geltung« für weite Kreise von Menschen besitzen. Den Menschen, die sich nach Bezugspersonen richten, muß dieser »Geltungskreis« nicht gegenwärtig sein – nicht eine Klasse, Schicht oder Konfession bestimmt ihr Verhalten, sondern diejenigen Einzelmenschen, mit denen sie tatsächlich Umgang haben. Aber der Soziologe erkennt in Bezugspersonen Repräsentanten des »Geltungskreises« bestimmter Erwartungen, und solche Geltungskreise faßt er als »Bezugsgruppen« zusammen.

Gleichartiges Verhalten von Menschen, die einer bestimmten Gruppierung angehören, wäre demnach soziologisch erklärt, wenn erstens die betreffende Gruppierung als Bezugsgruppe aufgefaßt werden kann, wenn also ihre Angehörigen vorwiegend miteinander zu tun haben, und wenn diese zweitens (auch) im Hinblick auf das fragliche Verhalten einander als Bezugspersonen behandeln. Die »Bezugserklärung« des Wählerverhaltens besagt mithin: Die Angehörigen bestimmter Gruppierungen halten ein bestimmtes Wahlverhalten nicht nur für richtig, sondern zugleich für eine Bedingung wechselseitiger Achtung; welches Wahlverhalten das jeweils ist, erfährt der Einzelne von seinen Bezugspersonen, und daher wählen die meisten Gruppierungsangehörigen dasselbe. Jeder einzelne Wähler entscheidet nicht selbständig, sondern richtet sich nach anderen. Eine erste Anwendung dieser »Bezugstheorie« des Wählerverhaltens betrifft die Unterscheidung von Stamm- und Wechselwählern: Die meisten Wähler sind Stammwähler, weil sich das in sozialen Gruppierungen herrschende Richtigkeitsurteil nicht von Wahl zu Wahl ändert; Wechselwähler sind Menschen, die (gleichzeitig oder nacheinander) verschiedenen Gruppierungen mit abweichendem Richtigkeitsurteilen angehören und daher konkurrierenden Bezügen ausgesetzt sind.

Dies Gerüst ist mittlerweile ins Schwanken geraten. Die sozialen Gliederungen, mit denen die Soziologie zu arbeiten pflegt, werden von den Wählern immer ungenauer reproduziert. Sie scheinen sich somit dem Einfluß ihrer angestammten Bezugsgruppen zu entziehen. Nun spricht logisch nicht viel dagegen, das auf die zunehmende Bedeutung »inhomogener Milieus« zurückzuführen: immer mehr Menschen sind in ihrer sozialen Nahwelt konkurrierenden Bezügen ausgesetzt. Das ist, in einer hier nicht zu erörternden Weise, auch von der Sache her nicht unplausibel. Aber die neueren Entwicklungen sollten doch auch Anlaß sein, das alte Erklärungsmuster zu Überdenken. Wenn es »Bezugserwartungen« sind, die das Verhalten von Wählern bestimmen, was bestimmt dann – abgesehen davon, daß jede Bezugsperson wieder andere als Bezugspersonen behandelt – die Bezugserwartungen? Wieso erwarten Bezugspersonen überhaupt ein bestimmtes Wahlverhalten (als Achtungsbedingung)? Ohne Antworten auf diese Fragen bleibt doch die Bezugstheorie des Wählerverhaltens sowieso unvollständig, während andererseits ihre Beantwortung möglicherweise über sie hinausführt.

 

Wählen kein konformes Handeln

Nun erklärt ja, wie man jedenfalls bei näherem Hinsehen leicht bemerkt, die Bezugstheorie nicht bloß zuwenig, sondern in gewisser Weise zugleich auch zuviel. Wenn jeder für andere Bezugsperson ist, also diesen die gebotene Wahlentscheidung vermitteln kann, wieso braucht dann überhaupt jemand Bezugspersonen? Er kann doch von sich aus tun, was er, wie aus seinen Erwartungen an andere hervorgeht, für richtig hält. Daß Menschen nicht von sich aus tun, was sie für richtig halten (so daß sie dazu des Zuspruches anderer bedürfen), kommt vor allem in einem für die Soziologie allerdings besonders wichtigen Fall tatsächlich vor: dem von »sozialen Normen«‘. Normen beachtet man häufig nicht »gern«, sondern weil man sich von anderen in irgendeiner Weise dazu gedrängt sieht. (Dahrendorf hat insofern die Bezugstheorie logisch zu ende gedacht, als er zu der Behauptung griff, Bezugspersonen würden für abweichendes Wahlverhalten »Sanktionen« in Aussicht stellen.) Und die Bezugstheorie erklärt das Wahlverhalten, wie die Soziologie sonst die Beachtung von Normen erklärt (ohne jedoch diesen Zusammenhang auszuweisen). Sind Wahlentscheidungen sinnvoll mit Handlungen unter Normen vergleichbar?

Zunächst fehlt die für normative Situationen typische Ausgangslage: Wähler haben kein gegenläufiges eigenes Interesse, anders (als von Bezugspersonen erwartet) zu entscheiden. Und umgekehrt: Welches Interesse haben Bezugspersonen an der »richtigen« Wahlentscheidung anderer? Normen fordern dazu auf, im eigenen Handeln die »berechtigten Belange« anderer Menschen zu respektieren. Ihre Beachtung ist einerseits überhaupt erst deshalb erklärungsbedürftig, weil ein gegenläufiges Eigeninteresse des Handelnden auf der Hand liegt. Eine Bezugstheorie kann sie andererseits dann erklären, wenn verständlich ist. wieso Bezugspersonen ein Handeln nach Maßgabe dieses Eigeninteresses mißbilligen würden. Denn dann versteht man im typischen Fall zugleich, daß und wieso der Handelnde selber ebenso urteilen würde, wenn er nicht Handelnder, sondern seinerseits Bezugsperson wäre. Mit anderen Worten: normenkonformes Handeln ist jedenfalls dann verständlich, wenn man ihm die »Goldene Regel« unterlegen kann- »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!« Der Einfluß von Bezugspersonen auf den Handelnden beruht auf dem gleichsinnigen Urteil des Handelnden selber und besteht nur darin, ihn zur Konsequenz anzuhalten. Als Konsequenz gegenüber dem eigenen Urteil ist »Fremdkonformität« zugleich ‚"Eigenkonformität« und insofern verständlich. Aber im Falle des Wahlverhaltens fehlen beide Bausteine der »Goldenen Regel«: der Wähler fügt seinen Bezugspersonen nichts zu, indem er anders als von ihnen erwartet wählt, und ihm selber würde nichts getan, wenn andere sich analog verhielten.

Als Erklärung normativen Verhaltens hat die Bezugstheorie ihren guten Sinn darin, daß sie sowohl die allgemeine Tatsache als auch die besondere Richtung des Einflusses von Bezugspersonen auf Handelnde unmittelbar verständlich macht und dann in der Tat diese »Zweierbeziehung« nur in endloser Wiederholung denken muß, um auch noch die Verbreitung von Konformität in weiten Kreisen verständlich zu machen. Als Erklärung des Wählerverhaltens verliert sie diesen guten Sinn so gut wie ganz. Gewiß, man kann behaupten, daß Hirtenbriefe und politische Manifeste »Quasi-Normen« sind, die Angehörigen bestimmter Gruppierungen ein bestimmtes Wahlverhalten auferlegen, und daß diese Auflagen von den Angehörigen solcher Gruppierungen (als Bezugspersonen) gegenüber anderen Angehörigen (als Wählern) vertreten werden. Aber offenbar hätte man Bezugsgruppen damit schon fast zu »Quasi-Parteien« stilisiert. Das leuchtet, wenn überhaupt, dann nur mehr logisch, nicht aber von der Wirklichkeit her ein.

 

Zwei Formen des Sozialverhaltens

Wie ist die Wahlentscheidung eines Wählers »von der Wirklichkeit her« zu erklären? Laut Bezugserklärung ist sie durch seine sozialen Beziehungen zu anderen Wählern vermittelt – jedenfalls in seiner Eigenschaft als Wähler hat er keine eigene, »selbständige« Einstellung zur Politik. In Wirklichkeit geht es – im allgemeinen Fall – sozusagen umgekehrt zu: Wähler finden ihre Einstellung zur Politik, indem sie diese nach Maßgabe von möglichen Mustern sozialer Beziehungen wahrnehmen, oder wie hier gesagt werden soll: »sozioform« (eben weil es sich um Muster handelt, die der Bildung von Sozialbeziehungen zugrunde liegen).

Es gibt im wesentlichen zwei sozioforme Muster, ein universelles und ein spezielles, wobei dies letztere das faktisch wohl häufigere ist. Das universelle Muster sozialer Beziehungen ist »wechselseitige Einordnungsbereitschaft«. Das ist die Bereitschaft, das jeweils eigene Verhalten mit »berechtigten Belangen« anderer abzustimmen. Universell ist diese Bereitschaft in dem Sinn, daß jeder Mensch unwillkürlich geneigt ist, in anderen Menschen schon deshalb Träger von für ihn beachtlichen »Fremdbelangen« zu sehen, wenn er mit ihnen zu tun hat. Am sinnfälligsten ist diese »primäre Reaktion« auf Nebenmenschen im Bestreben, im Umgang mit anderen gewisse »Formen« zu wahren. Diesem an sich »nutzlosen« Bestreben unterliegen uneingeschränkt alle (erwachsenen und geistig gesunden) Menschen, mögen sie auch – im Vergleich zu anderen, »zivilisierteren« Menschen – noch so ungehobelt erscheinen (Einordnungsbereitschaft hängt als »Verhaltenskompaß« von der Empfindlichkeit für Fremdbelange ab, und was N. Elias als »Prozeß der Zivilisation« beschreibt, beruht auf einer fortschreitenden Sensibilisierung für Fremdbelange im alltäglichen Umgang). Aber Einordnungsbereitschaft kommt auch in sozialen Tugenden wie Aufrichtigkeit oder Zuverlässigkeit und schließlich auch m der Beachtung von Rechtsnormen zum Ausdruck. Sie beruht, psychologisch gesehen, im Kern auf der menschlichen Sorge um die Achtung anderer Menschen, den (für einen bestimmten Menschen) »relevanten anderen. Die relevanten anderen können, müssen aber nicht mit denen identisch sein, deren Belange ein einordnungsbereiter Mensch im gegebenen Fall respektiert. (Ich kann z.B. eine Fundsache abliefern wollen, weil ich die gegenläufige Unterlassungshandlung meiner Frau verheimlichen müßte. Am engsten ist die Beziehung zwischen »berechtigtem« und »relevantem anderen« wohl im Fall der Umgangsformen.) Diese mögliche Differenz gibt nun typischerweise den meisten Menschen gelegentlich und ganzen Kulturen »strukturell« An- laß, das soziale Muster der Einordnungsbereitschaft vorzugsweise nur dann zu betätigen, wenn der Berechtigte zugleich »relevant« ist, und gegenüber sonstigen Menschen auf vielfältige Weise um »Überordnung« bemüht zu sein. Diese anderen sind dann gewissermaßen »irrelevante andere«, und das heißt: werden nicht oder nur eingeschränkt als Träger berechtigter Belange anerkannt. Wie werden die Grenzen gezogen?

 

Kategorie und Identität

Meist in »kategorischer« Weise. Menschen nehmen einander stets und notwendig nach Maßgabe »kategorialer« Merkmale wahr. So können sie z.B. nicht umhin, im anderen (erwachsenen) Menschen entweder einen Mann oder eine Frau zu erkennen. Ebenso unwillkürlich, wenn auch unschärfer, registrieren sie die Altersgruppe eines Menschen, oder auch seine Hautfarbe. Andere, nicht körperlich fundierte kategoriale Merkmale sind etwa: Nationalität, Konfession, Klasse. Auch solche »rein sozialen« kategorialen Merkmale werden, soweit kenntlich, gewöhnlich registriert, wenn auch vielleicht nicht ganz so unwillkürlich wie körperliche. Die »soziale Wahrnehmung« benutzt jedenfalls beide Merkmalsarten, um die Menschen entsprechenden Gruppierungen zuzuordnen, und solche Ordnungsurteile sind stets Gleichheits- oder Verschiedenheitsurteile im Verhältnis zum urteilenden Betrachter: »Dieser Mensch ist wie (bzw. anders als) ich selber ein Mann/Deutscher/Katholik usf.«

Es gibt nun bei allen Menschen die Neigung, mit jeweils bestimmten kategorialen Verschiedenheitsurteilen (so gut wie ausnahmslos nie mit Gleichheitsurteilen) zugleich Unwertsurteile zu verbinden. Das hat zunächst psychologische Gründe. Erstens ist das Selbstgefühl, die »Identität« eines Menschen, notwendig kategorial gestaltet. Es bildet sich in der zunehmend feiner werdenden Selbstunterscheidung von anderen Menschen, und dieser Zuwachs an Differenzierung folgt in erster Linie kategorialen Differenzen. Die Unwerterklärung von Fremdkategorien steigert daher das Selbstwertgefühl. Und zweitens entlastet sie von der Einordnungszumutung, die an sich von jedem Menschen ausgeht. (»Mensch« ist die oberste Kategorie der sozialen Wahrnehmung, und die Einordnungszumutung geht an sich mit dem Gleichheitsurteil »Dies Wesen ist wie ich ein Mensch« einher.) Zugleich räumt die Unwerterklärung psychisch den Weg frei, die eigenen Interessen gegebenenfalls auch auf Kosten der berechtigten Belange von weniger wichtigen anderen zu verfolgen. Aber ausnahmslos alle (erwachsenen und geistig gesunden) Menschen nehmen sich diese Freiheit immer nur »nach außen«: gegenüber (oft, allerdings nicht immer, kategorial) Nicht-Gleichartigen, während sie »nach innen« die Belange eines Kreises von (typischerweise kategorial gleichartigen) relevanten anderen zu respektieren bereit bleiben. In diesem Sinn ist Einordnungsbereitschaft bei allen Menschen das universelle und Überordnungsstreben das spezielle Muster der Sozialbeziehungen.

 

Warum wählen?

Politik wird von Menschen für oder gegen andere Menschen gemacht. Diese Trivialität gehört hierher, weil sie zugleich den allgemeinsten Zugang umschreibt, den politische Laien zur Politik haben. Auch wer immerhin so »unpolitisch« oder »apathisch« ist, daß er den zweiten Aspekt »inhaltlich« kaum registriert, wird doch den ersten Aspekt wahrnehmen; daß Politik von Politikern ausgeht. Und wenn er deren Politik beurteilen soll, wird er sich im allgemeinsten Fall »formal« auf den zweiten Aspekt stützen – auf das »Für oder wider andere Menschen«.

Denn wie soll der »unpolitische« Bürger- etwa bei Wahlen- das Verhalten von Politikern, mit denen er persönlich nicht zu tun hat, in einem Geschäft beurteilen, von dem er nichts versteht? Er kann der Wahl fembleiben, gewiß. Aber für viele einordnungsbereite Bürger kommt das nicht ohne weiteres in Betracht, auch wenn sie »unpolitisch« sind. Sie wissen, daß die meisten anderen Bürger (unter ihnen auch viele seiner relevanten anderen) wählen gehen. »Warum tun sie das?« muß der »unpolitische« Bürger sich fragen. Einen möglichen Nutzen sieht er nicht (daß kein einzelner »rational« damit rechnen kann, das Wahlergebnis nennenswert zu beeinflussen, weiß schließlich auch er), und er hat auch nicht den Eindruck, daß es sich um ein Vergnügen handelt. Zu einer unnützen Handlung, die keinen Spaß macht, kann man sich freiwillig nur veranlaßt sehen, wenn man sich zu ihr verpflichtet fühlt. Zumindest in diesem formalen Sinn kann der »unpolitische« Bürger der Tatsache, daß die meisten anderen wählen gehen, entnehmen, daß sie sich damit einer Pflicht unterziehen. Und Einordnungsbereitschaft kann auch die Neigung begründen, sich dem Pflichtverständnis (relevanter) anderer jedenfalls dann einzuordnen, wenn das mit besonderen Kosten nicht verbunden ist.

 

Wie entscheiden?

Es gibt also auch ganz unpolitische Gründe, sich an Wahlen zu beteiligen, und sie sind die allgemeinen Gründe der Wahlbeteiligung. Nach welchen Gesichtspunkten entscheiden »unpolitische« Wähler dann? Gewiß, sie können sich nach Bezugspersonen (die nicht notwendig im Sinne der Theorie Repräsentanten einer Bezugsgruppe sein müssen) richten. Aber, wie schon gesagt, es gibt den »sozioformen< Zugang« zur Politik, und zwar gerade auch (aber keineswegs nur für »unpolitische« Bürger. Allgemein beurteile ich Menschen, die ich nicht näher kenne, zweckmäßigerweise- und auf diese Zweckmäßigkeit bin ich psychologisch »eingestellt« - in erster Linie nach dem Muster ihres Sozialverhaltens, und zwar mir gegenüber, wenn ich selber mit ihnen zu tun habe, gegenüber anderen und besonders meinesgleichen, wenn das nicht der Fall ist. Menschen, mit denen ich selber nicht zu tun habe und von deren Geschäft ich nichts oder nicht viel verstehe, beurteile ich also erforderlichenfalls sozioform, d.h. nach Maßgabe der Art und Weise, wie sie sich zu anderen Menschen verhalten.

Auch »unpolitische« Menschen können nun den Äußerungen von Politikern immer ein sozioforraes Muster entnehmen. Ich höre nämlich, in welcher Weise in ihnen von anderen Menschen die Rede ist. Kommt eine kategorial unbeschränkte Einordnungsbereitschaft zum Ausdruck? Oder werden bestimmte Menschen aufgrund kategorialer Merkmale (oder auch, weil sie »reich« sind) aus der politischen Solidarität ausgegrenzt? Wenn ja, mißbillige ich das? Oder möchte ich selber gegenüber diesen Menschen – sei es nur gefühlsmäßig oder verbal, sei es darüberhinaus auch tatsächlich – mein Überordnungsstreben zur Geltung bringen? Wenn es um »innere« oder »äußere« Gegner (oder gar Feinde) geht, bleibt der Redende dann sachlich? Oder steigert er den Gegensatz im Sinne kategorialer Ausgrenzung, um sich selber bzw. anderen »gegenkategoriale« Selbstwertgefühle zu verschaffen bzw. sogar tatsächliches Uberordnungsverhalten zu rechtfertigen oder nahezulegen? Das sind Fragen, die deswegen auch dem »unpolitischen« Wähler kommen, weil sie Fragen nach dem Sozialverhalten des ihm nicht vertrauten Redenden sind, über den er sich ein Urteil bilden will, Fragen also, die man, wie gesagt, in solchen Fällen zweckmäßigerweise immer stellt.

»Politische« unterscheiden sich von »unpolitischen« Menschen denn auch nicht dadurch, daß sie solche Fragen belanglos finden, sondern dadurch, daß sie die Antworten schon kennen. Je nachdem, ob sie politisch dem Einordnungs- oder dem Überordnungsmuster in einer seiner vielen Formen zuneigen (was – mit wichtigen Ausnahmen besonders bei jungen Menschen – nicht notwendig mit ihrem eigenen tatsächlichen Sozialverhalten zusammenhängt), wählen sie »moderat« bzw. »radikal«. Ferner können »politische« eher als »unpolitische« Menschen ihr sozioformes Engagement – in aller Regel nach Vorgaben von Politikern – auch in Stellungnahmen zu »Sachfragen« umformulieren (und daher die Fragen der Demoskopen nach den »Gründen« ihrer Wahlentscheidung beantworten). Im Einzelfall mögen Eigenformeln sogar tatsächlich Wahlentscheidungen auslösen. Ein hypothetisches Beispiel: ein Wechselwähler erkennt seine (Einordnungs-) Werte in bestimmten Konzepten seiner Zielpartei deswegen deutlicher als in denen seiner Ausgangspartei, weil sie einfachere Sachfragen betreffen und von ihm daher leichter m plausible Eigenformulierungen übersetzt werden können. Sein Zugang zur Sache bleibt dabei sozioform, und seine Entscheidung kann natürlich an seinen eigenen Werten gemessen, auch sachlich falsch sein.

Entscheidungsauslösende Eigenformeln wird es aber wohl eher im Zusammenhang mit akuten »Krisen« und vor allem Affären geben. Wenn ein Kanzler gestürzt werden soll oder tatsächlich gestürzt wird, können sowohl Anhänger der Gegenpartei als auch Überordnungswähler den Einordnungswert »Treue« verletzt sehen und sich bei der nächsten Wahl danach richten. Wenn sich das Ehrenwort eines Ministerpräsidenten als falsch erweist, werden gerade auch die Stammwähler seiner Partei den Einordnungswert »Vertrauen« verletzt sehen und sich zum Teil bei der nächsten Wahl danach richten. Und wenn die »Willy-Wahl« von 1972 zugleich eine »Ostpolitik-Wahl« war, so deshalb, weil es damit um ein -–aus der Sicht von Laien – in der Sache »einfaches« Thema ging, das sie, als Deutsche, unmittelbar kategorial ansprach, für das sie, ebenfalls als Deutsche, Kompe- tenz beanspruchen konnten, und das schließlich noch mit den Einordnungswerten »Verständigung« und »Frieden« verknüpft war. Eine so überaus unwahrscheinliche Konstellation darf man nicht zum Anlaß einer Debatte darüber machen wollen, ob die Wähler im Begriff seien, aus »Bindungs-« zu »Sachwählern« zu werden.

 

 

»Bindungswähler« sind »politische« Menschen, die Politik nicht bloß hilfsweise sozioform aufschlüsseln, sondern eine tatsächliche Bindung an eine politische Ausprägung sozioformer Werte entwickelt haben und zugleich von einer bestimmten Partei glauben, daß sie in gleicher Weise gebunden ist. Nur wer die Bedeutung von Werteinstellungen in der Politik vollends verkennt, kann es überhaupt für möglich halten, daß solche Menschen jemals zu »Sachwählern« werden. (Und selbstverständlich wird er dann glauben, selber einer zu sein) Die Verknüpfung von sozioformen Werten mit Politik muß aber keineswegs immer, wie im Fall des Bindungswählers, irgendwie »sinnhaft« sein. Sehr häufig ist sie »kontingent«, d.h. könnte auch anders ausfallen. Auch Überordnungswähler sind im Alltag meist einordnungsbereite Menschen- und unter »Genossen« natür- lich erst recht. Andererseits ist natürlich die Politik aus bestimmten Gründen sowohl praktisch als auch psychologisch gesehen für die Betätigung von Überordnungsbestrebungen ein besonders geeignetes Feld (so daß C. Schmitt glaubte, sie von daher »definieren« zu können).

Wie »unpolitische« Wähler auf sozioforme Appelle reagieren, ist fallweise offen. In den 50er Jahren pflegten z.B. »unpolitische« Frauen, die nur an Bundestagswahlen teilnahmen, die »Mitte«, also einordnungsbereit, zu wählen. Heute wird Frauen ein besonderer kategorialer Zugang zur Politik geboten, der sie in einen Gegensatz zu Männern setzt. Damit geht es um Selbstwertgefühle aus einem kategorialen Gegensatz, und »unpolitische« Frauen, die auf dem Weg dieser »kategorialen Ansprache« politisiert werden, wählen daher- ceteris paribus - »links« (aus sogleich noch kurz zu skizzierenden Gründen).

 

Das politische Spektrum

Was ist »rechts«? Im allgemeinen Fall primär die Überordnung nach »außen«, über andere Völker oder Staaten also. Die »Rechte« will das nationale Selbstgefühl, das im »Einordnungsstaat« nur fallweise, aus jeweils besonderem Anlaß – außer in Notzeiten (vor allem im Krieg) meist nur rituell (bei Wahlen, Gedenktagen usf.) – gefordert ist, dauernd aktiv halten. Das legt es nahe, diese Übersteigerung zusätzlich auch auf Kosten der kategorialen Ausgrenzung »innerer Fremder« zu suchen. (Und heute ist die innere Ausgrenzung in denjenigen Staaten, die sich vom Imperialismus schon emanzipiert haben, natürlich der typischere Fall.) Ihre Legitimitätsgrundlage sucht die »Rechte« im »Leben«, im »Selbstbehauptungswillen« der Nation.

Die »Linke« hingegen sucht ihre Legitimitätsgrundlage in der moralischen Überordnung primär nach »innen«, über meist, nicht jedoch notwendig kategorial bestimmte Gegner (Kapitalisten), die aus Selbstsucht den Fortschritt zur befreiten Menschheit aufhalten wollen. Weil die moralische Selbstüberhebung sich vor allem in der Einsicht in die Fälligkeit dieses Fortschritts bewährt, bezieht sie sich speziell auch auf die fortschrittsträge und konsumbelastete Mehrheit, allerdings nicht im Sinne einer Gegnerschaftserklärung, sondern als Bevormundungsstreben.

Gewiß sind »Linke« und »Rechte« lange nicht mehr, was sie einmal waren. Im Westen nimmt seit dem 2.Weltkrieg die Zahl der »Einordnungsstaaten« - der Staaten mit stabiler Herrschaft der »Mitte« - stetig zu, und die Bundesrepublik hat seinerzeit den Anfang gemacht. Die große Mehrheit der Wähler hat miteinander und auch mit den Menschen der Nachbarstaaten innerlich »Frieden« geschlossen. Sie verzichtet auf die Möglichkeit, aus dem Bekenntnis zu Politikern oder Parteien kategoriale Selbstbestätigung zu schöpfen. (Das schließt nicht aus, daß Anhänger oder Repräsentanten von Einordnungsparteien »privat« ein Überordnungsverhältnis zum politischen Gegner haben können. Und natürlich sind nicht alle Politiker oder Mitglieder von Einordnungsparteien nur von deren Werten beseelt – diese können z.B. auch als im Programm verankerte Mittel des innerparteilichen Aufstiegs gehandhabt werden.) Die linken und rechten Parteien sind (wie insgesamt die christlichen oder berufsständischen kategorialen Kleinparteien) entweder verschwunden oder haben sich -–teils den Spuren der Wähler, teils der eigenen Einsicht folgend – auf den für sie mitunter allerdings beschwerlichen Weg zur Mitte gemacht. Heißt das alles nun, daß es eine Gefährdung der Mitte »von links« nicht mehr gibt?

 

Es gibt sie, wenn auch, wie schon angedeutet, vergleichsweise gemäßigt, und zwar in zweierlei, einer »kleinen« und einer »großen« Gestalt. Die kleine ist die »radikalere«. Junge Menschen sind aus gut verständlichen Gründen für den Appell an moralisches Überordnungsstreben besonders ansprechbar. Heranwachsende entdecken die Moral als Waffe, wenn sie in ein ihnen naheliegendes moralisches Dilemma geraten. Einerseits reift ihre theoretische Einsicht in das überpersönliche Wesen moralischer Anforderungen, andererseits werden ihnen die moralischen Anforderungen, speziell ihrer Eltern, an ihr eigenes Verhalten – als selbständigkeitswidrig – praktisch zunehmend lästiger. So sehen sie sich dazu gedrängt, der Einordnungsmoral als »autoritär« zu opponieren und zur Bekräftigung dieses Protests im Verein mit Gleichgesinnten moralische Ideale gegen »das Bestehende« aufzubieten. Das ist die gewissermaßen zeitlose Konstellation, die verhältnismäßig viele junge Menschen der linksradikalen Politik zuführt.

Die andere, die »große« Gestalt der »linken Versuchung« verdankt ihre Kraft hauptsächlich dem Umstand, daß maßvoll linke Überordnungswerte vermöge ihrer moralischen Akzentuierung leicht in die Nähe von Einordnungswerten geraten können. Das erleichtert es einerseits linken Stammwählern, die im Zuge der politischen Befriedung zu Einordnungswählern werden, ihrer Partei gleichwohl treu zu bleiben. Und andererseits macht es Einordnungswählern den Wechsel plausibel, der zwar nicht für sie, aber doch im Effekt ein Wechsel nach links ist. Denn Linksparteien bleiben dies jedenfalls weit über den Zeitpunkt hinaus, zu dem sie es – im Kampf um Einordnungswähler – schon nicht mehr wahrhaben wollen. Erstens macht ein immerhin beträchtlicher Teil ihrer Wähler den Weg zur Mitte nicht mit und will vom Abgang in die Radikalität abgehalten werden. Zweitens werden zur Besinnung gekommene Linksparteien ihre Tradition auch deshalb nicht los, weil junge Aktivisten stets von neuem an sie anknüpfen, teils »naiv« aus den schon genannten Gründen, teils weniger naiv, weil die Beschwörung einer großen Tradition einen Königsweg des innenparteilichen Machterwerbs eröffniet. Der innerparteiliche Kampf um die Posten wird zwischen den Wahlen mit traditionellen Appellen ausgefochten, der Kampf um die Wähler der Mitte mit Einordnungsappellen bei der Wahl selber. Der Wahl- kampf der Linken ist daher Angleichungs-, der der Mitte Differenzierungswahlkampf.

 

Wechselwähler (zwischen »Mitte« und »Links«, also z.B. die »Reagan-Demokraten« in den USA) sprechen (definitionsgemäß) entweder wechselweise auf Ein- bzw. Überordnungsappelle an oder sind Einordnungswähler, die ihre Werte sowohl in der Mitte als auch auf der Linken wieder zu finden glauben. Beide Typen wird der linke Angleichungswahlkampf mit der Betonung von Einordnungswerten ansprechen wollen und im übrigen darauf setzen, daß die im Wahlkampf verdeckten, aber dem einschlägig Empfindlichen noch präsenten Überordnungsakzente der Zwischenwahlzeit beim ersten Wechslertyp ihre Wirkung tun. Der Angleichungswahlkampf steht allerdings immer vor dem Dilemma, das aus der Zwiespältigkeit der linken Wertbindung folgt: er darf die Toleranz des überordnungsorientierten traditionellen Restklientels für Einordnungstöne nicht Einordnungstöne nicht überbieten wollen. Er wird allgemein den linken Angleichungswahlkampf bloßstellen, sowie im besonderen den ersten Wechslertyp gegen Überordnungsappelle immunisieren und den zweiten mit dem Zwiespalt m der Wertbindung des Gegners konfrontieren wollen. Diese Ziele legen in verschiedener, aber recht natürlicher Weise den Angriff auf die Überordnungsakzente dieser Wertbindung – unter methodischem Rückgriff auf einschlägig aussagekräftige Daten aus der Zwischenwahlzeit – nahe.

Die weitaus meisten Menschen – gerade auch die, welche nicht unbedingt zur Wahl gehen wollen – betrachten Politik und ganz besonders Wahlkämpfe nicht mit den Augen von Experten, die sich zu komplexen Sachfragen – journalistisch oder wissenschaftlich, jedenfalls aber erkennbar gekonnt – selber äußern wollen. Auch unter Laien gibt es vereinzelt Menschen, die einen sachverständigen« Zugang zur Politik kultivieren – die meisten haben, ganz zurecht, andere Hobbys, und die repräsentative Demokratie hat nicht zuletzt den Sinn, ihnen das zu ermöglichen. Schließlich sollten Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, die Experten also, sich nicht selber täu- schen. Soweit sie tatsächlich sachverständig sind, haben sie ihre en sprechenden Kenntnisse in aller Regel erst erworben, nachdem. Sie ihren Zugang zur Politik schon gefunden hatten, und zwar in derselben Weise wie einfache Laienwähler auch: über die sozioforme Aufschlüsselung von politischen Äußerungen. Und ihre Dauerbindung haben sie nicht anders gewonnen als Laien, die Bindungswähler sind. (Beides gilt auch für diejenigen Experten, die einmal, etwa beim Eintritt in ihr fünftes Lebensjahrzehnt – wie im übrigen viele »politische« Stammwähler auch -, von der Über- zur Einordnungsbindung gewechselt haben.) So gut wie alle Experten lassen bei der Wahlentscheidung ihre Bindungen und nicht ihren Sachverstand sprechen – Wechselwähler aus Sachverstand gibt es nicht.

Wahlkämpfe werden für Laien gemacht, und diese gehen weder zur Wahl, um ihr Ergebnis zu beeinflussen, noch um als Scheinexperten mittels zweier Kreuze einen Rattenschwanz von Sachfragen ab- schließend zu begutachten. Verständnisvoll stellt T. Parsons fest, für den »Durchschnittswähler« seien die »intellektuellen« Probleme einer »rationalen« Wahlentscheidung »praktisch nicht lösbar«. Ja für wen sollen sie das denn sein? Etwa für Parsons? Es gibt überhaupt keine intellektuellen Probleme einer rationalen Wahlentscheidung, es sei denn dies eine: die Wertbindungen von Parteien bzw. Kandidaten korrekt entschlüsseln. Dabei mögen Laien mehr, Experten weniger irren. Praktisch wichtiger ist aber der Irrtum über das Wesen der eigenen Wertbindung, und dem dürften Experten »signifikant« häufiger unterliegen als Laien.

Wähler gehen zu Wahlen, um sich zu Werten zu bekennen. Sie schaffen damit eine Konsensbeziehung zunächst zu denjenigen Wählern, welche die gleiche Wahlentscheidung treffen, und auf diese Konsensbeziehung kommt es dem einzelnen Wähler unmittelbar an. Durch sie erhält er Selbstbestätigung im fiktiven Kreis von Gleichge- sinnten. Aus den parteilich gegliederten Konsenskreisen wird der »Konsens der Demokraten«, soweit die Unterlegenen die gewählte Regierung innerlich als auch ihre legitime und insofern bejahte Regierung anzuerkennen vermögen. – Weil Wähler wählen, um sich zu Werten zu bekennen, sollte der Wahlkampf auch um Werte geführt werden - »The issues are values«, so ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat. Wer das »substanzlos« findet, weiß eben nicht, worum es eigentlich geht.