Bonn/Berlin 30.10.2000

Politpraktikumszeugnis

Der Politpraktikant Hans-Olaf Henkel hat seine Abschlußarbeit im Spiegel 40/2000 zum Besten gegeben.

So bewertet HOH Kohls Umgang mit seiner – deutlichkeitshalber: des letzteren – Richtlinienkompetenz:

Die Methode, sich vor dem Notwendigen zu verschließen, scheint mir ein roter Faden, der sich durch Kohls sechzehnjährige Kanzlerschaft hindurchzieht. Mit Hilfe von Blüm und anderen verstand er es immer wieder, sich zum Schiedsrichter zwischen uns und der Gesellschaft aufzuspielen, um dann seine eigene Position als ausgewogen, neutral und „objektiv“ durchzusetzen.

Ohne Blüm und andere wäre demnach Kohl dem HOH willenlos ausgeliefert gewesen. Auf Blüm und andere soll jener angewiesen gewesen sein, um nicht der deutschen Industrie nach der Pfeife zu tanzen, sondern selber zu pfeifen und die damit gegebene Chance zu nutzen, auch die Belange jeweils anderer Mannschaften bedienen zu können.

HOH-Maxime # 1: Die deutsche Industrie weiß, was notwendig ist.

Die Macke: HOH hat nie geschnallt, daß zwar Kohl einerseits immer gewußt hat, daß – wie jeder andere Verein, wie also die deutschen Gewerkschaften, die deutschen Christen, das deutsche Fernsehen, die deutsche Presse, und nicht zuletzt die altdeutsche Klitsche P-Connex –, auch die quasideutsche1 Industrie jederzeit weiß, was notwendig ist, andererseits dies aber als Vorsteher seines Vereins jederzeit seinerseits auch gewußt hat, dabei jedoch notwendig ein anderes, nämlich ein politisches (genauer: wahl-, nicht wirtschaftspolitisches) Notwendigkeitsmaß als HOH etc. pp. angelegt hat.2

So ist HOH dennoch zu Erfolgserlebnissen gekommen:

Von Anfang an bemerkte ich, wie wohltuend sachbezogen und vernünftig Wolfgang Schäuble sich von dieser Verhinderungspolitik abhob. Mit ihm konnte man alles besprechen, ohne sogleich mit den gewohnten Gegenreden abgespeist zu werden Er hat, wie kein anderer in seiner Partei, die Zeichen der Zeit begriffen und wäre auch fähig gewesen, die notwendigen Reformen durchzusetzen …

Ein Herz und eine Seele, in keimfreiem Einverständnis.

HOH-Maxime # 2: Ein Politiker, der die Zeichen der Zeit begriffen hat, setzt die notwendigen Reformen durch, sobald er die Möglichkeit dazu hat.

Die Macke: Ex definitione politicae ist der Spitzenpostenaspirant – was er im Vorhinein nach Maßgabe seiner sachlichen Inkompetenz auch sich selber zu verbergen pflegt – auf nichts schärfer als auf die Möglichkeit, in Ausübung endlich erlangter Richtlinienkompetenz die – aus jeweils unfehlbarer Sicht der deutschtümelnden Industrie, der deutschen Gewerkschaften, Christen, TV- und Pressefritzen bis hin zur ihr Geschäft um seiner selbst tuenden Klitsche P-Connexnotwendigen Reformen lieber denn doch nicht durchzusetzen.

Nicht bloß für die harte P-Connex-Schule, sondern auch fürs süße Leben zu lernen ist hier: Der Sinn eines jeden Satzes, welcher der immerhin extern unberührbaren Praktikantin gesprächsweise vorgetragen wird, ist nicht in seinem Wortlaut beschlossen, sondern auf der Folie der sinnstiftenden Äußerungsabsicht des Sprechers abzulesen. – Im Beispiel: Schäuble hatte im Plausch mit HOH nicht allein keinerlei Anlaß, sich von richtlinienkompetenter Verhinderungspolitik abzuheben sowie jenen Praktikanten sogleich mit den gewohnten Gegenreden abzuspeisen, sondern war im Gegenteil bestens beraten, ihn vielmehr mit seinen die Zeichen der Zeit buchstabierenden Erkenntnissen beflissenentlichst zu bedienen. Denn wahlpolitisch hatte er ja nun einmal bis auf weiteres leider nichts zu verlieren.

Nur fürs Tagesgeschäft möge die u.a. auch lernwillige Praktikantin notieren:

1. Speziell: Ein Politiker, der jedenfalls bis auf weiteres nichts liefern, sondern nur entweder nicken oder abspeisen kann, wird lieber nicken. Jener Praktikant hat wieder einmal seine Hausaufgaben verschludert: Wie genau will er denn wissen, was mit dem Schäuble der Zwickel so hat besprechen können?3

2. Allgemein: Jeder Politaspirant nutzt jede Gelegenheit, Eindruck zu schinden. Im Beispiel: die frohe Botschaft auszustrahlen, im Falle des Falles wäre er fähig, die notwendigen Henkel- (Zwickel-?) Reformen durchzusetzen.

… – wenn nicht Helmut Kohl … ihm … die Möglichkeit dazu verbaut hätte.

Ein Herkules, der sich den Zutritt zum Augias-Stall verbauen läßt.4

HOH-Maxime # 3 a [falls gemeint: kurzsichtigerweise hat ein zeitzeichenlegastehenischer Großkanzler einem weitsichtigen Fraktionschef angezeigte Reformen verbaut): Zeitzeichen- bricht Richtlinien- (politisch5: Wahlpolitik-) Kompetenz.

Die Macke: Während jeder Presseschwengel hier aus hohlstem Hirn sein Schön wär’s seufzen würde, gilt politisch: Wie sollte der Großkanzler dem Zeitzeichenleser die Möglichkeit verbaut haben, Lafontaine zu deckeln? 6

HOH-Maxime # 3 b [falls gemeint: der CDU-Eigner hätte dem weitsichtigen Fraktionschef die Kanzlerkandidatur überlassen müssen): Der Alt- muß dem Jungbauern weichen.

Die Macke: Muß er nicht. Denn die Unfähigkeit, um die Hofhaltung zu kämpfen, qualifiziert die Fähigkeit, die notwendigen Reformen durchzusetzen, als belletristisch.



1Eine nationale Industrie, die sich national gibt, tut ein Unrecht an ihrer Nation. Denn sie betreibt Propaganda statt ihr Geschäft.

2Demokratietheoretisches Korollar # 1: Für das rechte Maß muß man mit allen Vereinen mitdenken können.

3Die fortgeschrittene Praktikantin möge bedenken: Bei den Verhandlungen zum Einigungsvertrag hat sich als seinerzeitiger BMI der Schäuble von dem für das mitsehende Augen von Anfang an als schmieriger Gauner ersichtlichen sowie von knapp 15,5 Millionen SBZlern, die das elende DDR-Spielen keine unlogische Sekunde länger sich aufhalsen zu lassen bereit waren, unter äußerstem Zeitdruck gesetzten Krause nach Selbstauskunft unter Zeitdruck setzen lassen. Bei den Beamten seines damaligen Hauses hat ihm das pünktlich den Namen Der Nicker eingetragen.

4Die gebildete Praktikantin erkennt den Schäuble à la Henkel als einen Theseus im Besitz des Leitfadens einer Intellektuellen-Aridadne. Wenn schon politisches Gewicht unbeachtlich ist – an politischer Expertise bietet nicht allein P-Connex mehr als Schäuble.

5Die sprachsensible Praktikantin möge bemerken: hier fehlt der deutschen Zunge das Wort politics.

6Helmut Kohl hat sich in zweifacher Weise an seiner Partei sowie damit an unserer Republik vergangen: Seit 1985 hat er keinen Gedanken darauf verschwendet, wie den mit der damaligen LTWahl im Saarland sich abzeichnenden massiven Wählerverlusten zu begegnen sei. Die Millionenverluste von der einen BTWahl zur nächsten wurden politautistisch hingenommen. Parallel hat dieser Attentismus der Machtergreifung der A-Länder im BRat , und damit der „Blockadepolitik“ des Lafontaine wahlpolitisch den Weg bereitet.