05. Januar 2001
Bismarckquiz # 1
Nach innen führt der geheimnisvolle Weg.
Der Fall: *
* Nach: Ludwig Reiners: Bismarck gründet das Reich. (Sehr empfehlenswert. Noch empfehlenswerter allerdings: ders.: In Europa gehen die Lichter aus - Der Untergang des Wilhelminischen Reiches. Kissinger verläßt sich auf das Buch so sehr, daß er sich [in Diplomacy] für Zitate darauf bezieht, obschon es keine Nachweise bringt.)
Sedanstag (heutzutage manchem Zuschauer noch aus dem Rühmann-/Käutner-Film Der Hauptmann von Köpenick bekannt), eine französische Armee ist eingekesselt, und von Gefangenen hören die Preußen: im Kessel sitzt auch Kaiser Napoleon III. fest. Die Nachricht erreicht Bismarck in einer Runde von Offizieren, diese sind begeistert, und der Kronprinz atmet durch: Mit dem Mann in preußischer Hand sei der eigentliche Kriegstreiber mattgesetzt, der alsbaldige Friede mithin sichergestellt. Bismarck, der die Welt kennt - das ist haarscharf daneben, und diese Haaresbreite lang ist der Lösungsweg der sogleich zu stellenden Aufgabe -, bitter also entgegnet Bismarck:
Wenn das wahr ist, so ist der Friede in weite Ferne gerückt.
Denn er sieht sofort, daß das Kaiserreich gestürzt werden wird und daß eine republikanische Regierung, die von der Volksstimmung abhängt, viel schwerer einen annehmbaren Frieden abschließen kann als Napoleon.
Die republikanische Regierung hat den Krieg noch fünf Monate lang gestreckt, mithin aus zwei Monaten sieben gemacht, ohne jedoch an der Schlußrechnung irgendeine Stelle hinter dem Komma noch ändern zu können. (Was so an die Hunderttausend Franzosen sowie nicht viel weniger Deutschen das Leben gekostet haben wird).
Daß B. - wenn auch schon dies wohl im Unterschied zu den Militärs - sofort die Republik hat aufziehen sehen, sollte nachvollziehbar sein. Nun aber zur
Aufgabe:
Wieso hat B. auch sofort gesehen, daß (anders als der Kaiser) die Republik nicht unverzüglich aus politischer Einsicht, sondern erst unter äußerstem militärischen Druck ins so oder so Unvermeidliche sich fügen würde?
Wink # 1 [Wer von hier aus zur Lösung gelangt, könnte auch den Witz der Sache einigermaßen treffen.]
In jener Männerrunde war B. der einzige Politiker unter Militärs.
Wink # 2
Auf Kriegsgeschrei und Krieg hatte Napoleon vor allem deswegen sich einlassen wollen, weil er Prestigeerfolge zu benötigen meinte, und dies nicht bloß aus Renommisterei. Mit einem Triumph über Preußen wollte er die Willigkeit der Franzosen hegen und pflegen, seine Dynastie auf Dauer zu stellen, d.h. zunächst seinem Sohn die Nachfolge zu gönnen.
Wink # 3 [Wer von hier aus zur Lösung gelangt, wird den Witz der Sache wohl eher verfehlen.]
Was die Republik den Frieden bis zum bitteren Ende (Kanonenfeuer auf, Aushungerung von Paris, der großen Herbstzeitlosen) verweigern ließ, war vor allem die preußisch-deutsche Kautele: Abtretung des Elsaß, die stimmungsdemokratischem Prestigepolitikdenken gegen den Strich ging.
Hier die Lösung:
1. B. war in jener Männerrunde am nullten Sedanstag nicht allein der einzige, sondern zugleich derjenige Politiker, welcher ggfls. für die preußische Seite den Friedensschluß * zu deichseln haben würde. Daher hatte er vor dem ersten Schuß von Amts wegen das Ende erwogen. Wer für einen Krieg - in welchem eine jede Kugel zwar nicht, so manche aber, und dieses sodann wunschgemäß, eben doch den einen oder anderen Feind, vor allem aber auch diesen oder jenen Freund, beide jeweils in Menschengestalt, schon treffen wird - sich mitverantwortlich zu machen sich anschickt, wird, wenn - ja wenn er ein Bismarck und nicht einer der üblichen pazifistischen Politwichser wäre - das Ende in annähernd solcher Intensität mitbedenken, als ob es just das eigene wäre. Mit solchem Respice finem jedoch waren, von Hause aus und von Amts wegen, weder Militärs noch Kronprinz irgendwie dringlich, will sagen: dienstlich befaßt. Wem dieser Drang von außen her, von Amts wegen, nicht oktroyiert ist, kann ihn von innen her bestenfalls quasi-journalistisch simulieren.pcnx
Das Theorem Der Krieg ist nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ward meist - und sowieso vom Flachkopf Lenin sowie sämtlichen seiner sowjetrussischen Nachfolger und internationalistischen Nachbeter - grotesk falschverstanden: als ob nämlich Krieg jeweils auch nur Politik und daher von dieser nicht zu scheuen sei. Clausewitz hingegen statuiert den Primat von Politik auch im Krieg: Strategie im Krieg hat im Zweifelsfall nicht militärischen, sondern politischen Gesichtspunkten zu folgen, genauer: im Zweifelsfall sich den bei professioneller Politik vor dem ersten Schuß ins Auge gefaßten Kriegs- und damit Friedenszielen unterzuordnen. So daß jenes Theorem in Wahrheit besagt: Auch im Krieg hat das Politische gegenüber dem Militärischen in der Vorhand zu bleiben. (Der Spruch Krieg ist viel zu ernst, als daß man ihn den Generälen überlassen könnte, ist eine immerhin passable Eselsbrücke zum Sinn des Satzes.)
Dem Wink # 1 wäre also in etwa zu entnehmen gewesen: B. war in jener Männerrunde der einzige, welcher vor dem ersten Schuß von Amts wegen den Primat der Politik auch im Krieg im Auge gehabt haben konnte.
2. B. hat bei vor dem ersten Schuß einsetzender innerlicher Abarbeitung solchen Verantwortlichkeitsdrangs von Napoleon als Gegenpart der Friedensgespräche ausgehen müssen.#
Daß ein politisches Kalkül mit der politischen oder physischen Fortexistenz eines bestimmten Menschen stehe oder falle, pflegte B. so auszudrücken: Das steht auf zwei Augen. Wie prekär solche Rechnungen sein können, war ihm demnach bewußt. Gleichwohl hätte er vor dem ersten mit der Möglichkeit nicht rechnen dürfen, daß vor dem (vermeintlich) letzten Schuß Wein, Weib und Gesang den gesundheitlich notorisch labilen und immerhin 62-jährigen Kaiser zu Grabe geleitet haben könnten. (1873 ist er verstorben.)
Ein Kaiser, welcher am nullten Sedanstag in den Tuilerien einer Mätresse sich gewidmet haben würde, wäre am Tag danach zwar kaum noch militärisch, wohl aber politisch noch handlungsfähig gewesen. Unter den gegebenen Umständen wäre für ihn sodann zwingende Verhandlungsmaxime gewesen: Weg mit Schaden. Denn nur, wenn ihm sein Heer, auswärtig besiegt und geschlagen, umgehend inwendig zum Schutz oder zur Wiederherstellung seiner Franzosenautorität disponibel gewesen wäre, hätte er seine Dynastie noch retten können, was er gewollt haben würde. Vor dem ersten Schuß also hat B. als der für das Ende verantwortliche Politiker fest damit rechnen können: Militärisch nicht mehr auszuhebelnde Bedingungen werde die andere Seite unverzüglich aus politischem Grund hinnehmen, und nicht erst, wenn bis zum bitteren Ende militärisch niedergemacht.
Wie er mit Napoleon, dieser mit ihm nach preußischen Entscheidungssiegen umzugehen haben würde, hat mithin B. vor dem ersten Schuß gewußt, und dieses Wissen war ihm mit jener Unglücksbotschaft vor Ort zunichte geworden: Der Kaiser, der Kaiser gefangen.§ Das ist der Witz: weil ihm eine Tour vermasselt war, hat B. sofort gewußt, was ihm, seinem König und den Deutschen (und den Franzosen) nun blühte. Also vorliegendenfalls gerade nicht, daß er die Welt kannte, sondern daß er in seine Einschätzung derselben einen Fehlposten eingestellt hatte, hat ihm zur Zukunftseinsicht die Potenz verliehen.
Dem Wink # 2 wäre also in etwa zu entnehmen gewesen: Die Festigung seiner Dynastie war das vorrangige Langfristinteresse des Kaisers.
3. Der Verzicht auf das Elsaß wäre für den Kaiser kaum weniger schmerzlich gewesen als für die Republik. (Es geht also gerade nicht darum, daß ein Serenissimus i.G. zu demokratisch legitimierten Herrschaften auf Patriotismus hätte pfeifen können.) Nur fehlte der Republik das unpatriotisch-gegenläufige Eigeninteresse daran, politisch ohne Verzug hinzunehmen, was militärisch nun einmal doch nicht mehr zu ändern war. (An die vakante Stelle des kaiserlich-dynastischen Eigeninteresses hätte hier wohl ein republikanisches Gewissen gehört.)
Dem Wink # 3 wäre also in etwa zu entnehmen gewesen: Für dieses einemal hätte Napoleon, anders als die Republik, Veranlassung gehabt, der Vernunft den Vortritt vor dem Prestige zu geben.
Was wir lernen
hat B. vor dem Krieg schriftlich niedergelegt, und nur Unterstreichungen sind behufs Bekräftigung des Lernerfolges hinzuzufügen):
Hinter der wortreichen Unruhe, mit der Leute außerhalb der Geschäfte nach dem Stein der Weisen suchen, verbirgt sich in der Regel eine flache und jedenfalls impotente Unbekanntschaft mit den Realitäten und ihren Wirkungen.
Ihm waren, weil innerhalb der Geschäfte vor dem ersten Schuß schon mit der Frage der politischen Gestaltung des Endes befaßt, die in den Winken #2, 3 resümierten Realitäten, sobald es auf sie ankam, im Nu gegenwärtig, und damit ebenso unmittelbar auch die Wirkung der in Wink #3 nach Wegfall der in Wink #2 resümierten Realität. (Und erneut ist zu sehen: entscheidend ist nicht, daß B. die Welt kannte, sondern daß ihm die hier und jetzt relevante Wirklichkeit im modus operandi zur inneren Präsenz gelangte. Wer reagieren [gegenhandeln] muß, erfährt nicht bloße Realitäten [news], sondern diese in ihrer Wirkform, in Aktionsart sozusagen.)
1. Außerhalb der laufenden politischen Geschäfte standen Militärs wie Kronprinz. Nicht jedoch dessen Vater, der König. Essentiell für den Lernerfolg ist die Einsicht, daß im Zweifelsfall schon die sachlich scheinbar geringe Differenz zwischen einem militärisch als Generalissimus fungierenden 38-jährigen Nachfolger einerseits, seinem politisch zuständigen prospektiven Vorgänger andererseits den Abgrund zwischen außerhalb und innerhalb der Geschäfte ausmachen kann.
2. Wie im Praktikumszeugnis für HOH bereits notiert, hat dieser Abgrund - mit einem hier nicht weiter auszuweisenden Bild: schmaler, aber kaum weniger tief - selbst noch das jeweilige spezifische Gewicht der Hinhaltetaktik des BK Kohl und der pronunciamentos des Fraktionsvorsitzenden Schäuble bestimmt. Und damit zum Höhepunkt des Lernerlebnisses der lernwilligen Praktikantin: Wie breit, vor allem aber wie tief wird jener Abgrund, welcher zwischen König und seinem Kronprinz, zwischen Bundeskanzler und seinem whip gähnt, erst zwischen einem innerhalb der Geschäfte agierenden Amtsträger einerseits, andererseits den folgenlos räsonnierenden Medienfritzen, Kommilitonen, Politologieprofs, Praktikantinnen sich auftun?
Caveat: Wem immer die Wahlberechtigten aller Stufen ein Amt verpassen, vermögen sie nicht im gleichen Zug die Gelegenheit zu verschaffen, sich einen Bismarck- (oder auch nur einen Napoleon III.-) Kopf zu zerbrechen.
Hinweis: Die nächste Aufgabe wird leichter.
* Für die nebenbei auch musikalisch willige Praktikantin: Wie man auf anständige Weise einen Sieg feiert, ist den 3 41 La Paix (Largo alla Siciliana) aus Händels für die britische Seite aus Anlaß des den österreichischen Erbfolgekrieg 1748 besiegelnden Aachener Friedens gesetzten Suite Feuerwerksmusik abzulauschen - welcher Name übrigens besagt, daß seitens des königlichen Sponsors ein die eben auch damals unerläßliche sowie selbstverständlich gerade auch amtlich goutierte stimmungsdemokratische Knallerei abfangender Akzent politischer Kultur immerhin erwünscht schien. Nicht Siegesfreude, sondern Friedensdank erklingt. Es hat immerhin noch gut 270 Jahre gebraucht, bis die im August 1914 einsetzende, multilateral stmmungsdemokratische alldeutsche, allfranzösische, allbritische, allslavische Kakophonie vom Siegfrieden 1919 in Versailles, südwestlich von Paris von allfranzösischen und in deren Schlepptau auch britischen Siegern in Völkerrecht umgesetzt ward.