Bonn, 26. Februar 1999

Berichte / Analysen 02/99

100 Tage Rollentausch

Die weitaus überwiegend negative Pressebewertung der ersten hundert Tage der Rot/grünen BReg - die auch für das BKAmt bestimmte Presseübersicht des BPAmtes zitiert keine einzige positive Stellungnahme - stellen zumeist die Diagnose Fehlstart. Tatsächlich hat die BReg einfach nur konsequent ihre angekündigten Vorhaben auf den Weg gebracht. Daß sie dabei mehrfach gescheitert ist, zeigt lediglich, wie schlecht improvisiert ihre Konzepte sind. Gleichwohl bleibt sie ideologisch an diese gebunden. Sie wird sie an die bisher verkannten rechtlichen und finanziellen Grenzen anpassen. Darüber hinaus ist aber nicht damit zu rechnen, daß sie in absehbarer Zeit zu einer pragmatischen Politik findet. Zu den neun Wahlversprechen der SPD gehörten fünf Sofortmaßnahmen, die unter Inkaufnahme erheblicher finanzieller Zusatzbelastungen alle umgesetzt sind.

Die CDU hat noch nicht zur Geschlossenheit in der Opposition gefunden. Mit Angela Merkel hat sie eine Generalsekretärin, die in ihren formativen Jahren in der DDR kaum die Kompetenzen und Erfahrungen erworben haben kann, um dieser Aufgabe eigenständig gewachsen zu sein. (Nach Auskunft eines ehemaligen hochrangigen Beamten des BMU hat sie sich dort gegenüber Mitarbeitern illoyal verhalten. In der DDR sei sie Propagandasekretärin der FDJ gewesen, und ihre Linientreue gehe aus der Tatsache hervor, daß ihr die Promotion ermöglicht wurde).

Berichte über parteiinterne Kritik an Schäuble treffen zwar nicht dem Grunde nach, wohl aber im Ergebnis zu. Mitglieder der Unionsfraktion bemängeln, daß er ohne Oppositionskonzept sei und es an Gespür für den nächsten Schritt fehlen lasse. Im Hinblick auf seine Haltung zur Unterschriftenaktion wird in erster Linie das Verfahren kritisiert. Die u.a. dazu anberaumte CDU-Klausurtagung sei schlecht vorbereitet und nicht als eigentliches Beratungs-, sondern als Zustimmungsgremium angelegt gewesen. Im Bayerischen Rundfunk wurde ein Kommentar gesendet, in dem Schäuble als überfordert bezeichnet und Stoiber als bis auf weiteres heimlicher Oppositionsführer qualifiziert wurde.

Die politische Stimmung unter den Mitarbeitern des Adenauerhauses ist gedrückt. Die Perspektive eines erneuten Machtwechsels in 4 Jahren wird dort nicht gesehen.



CDU-Blockade im Bundesrat?

Jürgen Rüttgers, frischgebackener Chef der CDU NRW - der es jedoch zu deren Spitzenkandidatur kaum bringen dürfte - hat nach dem kleinen Machtwechsel in Hessen angekündigt, die CDU werde nunmehr im BRat dieselbe Blockadepolitik auflegen wie in der vergangenen Wahlperiode die SPD. Das ist ungewöhnlich töricht. Auch wenn die SPD seinerzeit Blockade betrieben hätte aber es zeigt sich ja nun, daß sie, und zwar aller Voraussicht nach mit Zustimmung der A-Länder, tatsächlich eine andere Steuerpolitik will als die abgelöste Koalition -, hat sie denn doch nie in aller Öffentlichkeit damit auch noch sich gebrüstet. Ferner wird die Lage im BRat nicht nur von Rüttgers, sondern auch überwiegend in den Medien falsch eingeschätzt. Für die nächsten beiden Sitzungen gehört Hessen noch zu den A-Ländern. Die Verabschiedung des Haushalts ‘99 und der bis dahin im BTag beschlossenen Steuergesetze ist damit gesichert. (Daß die jetzige rot/grüne Landesregierung von ihrem Stimmrecht Gebrauch macht, ist legitim, weil von ihrer Aufgabe her geboten.) Aus heutiger Sicht ist damit zu rechnen, daß die A-Länder bereits mit der Bremer Bürgerschaftswahl im Juni wieder über die Mehrheit im BRat verfügen. Bürgermeister Scherf füttert zwar die Medien mit der Botschaft, ihm sei dtingendst an der Fortsetzung der großen Koalition gelegen. Aber schon, daß dabei solche Schnitzer wie Wenn das irgend möglich ist durchrutschen - möglich ist eine große Koalition selbst beim jetzigen CDU-Tiefstand ja nun jederzeit und überall in Deutschland - läßt die Richtung dieser spin operation erkennen. Rot/grün war nach der letzten Bürgerschaftswahl nicht mehr mehrheitsfähig, weil die SPD gut zehn Prozent an eine rechte SPD-Fronde hatte abgeben müssen. Diese Spaltgruppierung spricht Rotwähler an, denen die Grünen nicht schmecken. Also muß Scherf sich schon anti-grün geben, um aus zehn weniger als fünf Prozent zu machen. Im übrigen würde er sein standing in der Bundespartei verlieren, wenn er einer rechnerisch möglichen rot/grünen Koalition die mit der CDU selbst um den Preis vorzöge, damit die Wiederherstellung der A-Länder-Mehrheit im BRat zu blockieren. Daß aber die rot/grüne Koalition rechnerisch möglich sein wird, ist aus zwei Gründen wahrscheinlich: Erstens sind erfahrungsgemäß Sondergruppierungen selten über mehrere Wahlperioden hinweg stabil. (Im Hamburger Rathaus gibt es die STATTpartei nicht mehr, welcher nach ihrem einmaligen Wahlerfolg von Befragungsprognostikern ein Potential von 30% angedichtet worden war.) Zweitens pflegen auch DVU-Wahlerfolge kurzlebig zu sein. Die rot/grüne Mehrheit wäre bei der letzten Bürgerschaftswahl schon gegeben gewesen, wenn nur die DVU außen vor geblieben wäre. Das dürfte bei der Juniwahl ebenfalls gelten, denn mit einem Wiedereinzug der FDP in die Bürgerschaft ist ja kaum zu rechnen.

Sollte aber die Pattsituation im BRat - bis zur Hessenwahl hat die SPD dort über eine echte Mehrheit (38 von 69 Stimmen) verfügt, was für die Union jetzt keineswegs zutrifft: sie kann lediglich wegen ihrer Koalitionen mit der SPD in Bremen, Berlin, Thüringen genügend Stimmenthaltungen aufbieten, um die im BRat stets erforderliche 35-Stimmenmehrheit zu verhindern - die Bremer Wahl überdauern, tritt erst einmal die Sommerpause ein. Im September wird sodann in Thüringen gewählt, und im dortigen LTag werden dann CDU, SPD sowie PDS vertreten sein. Die 4 Thüringer BRat-Stimmen werden also mit Sicherheit auf die A-Länder übergehen. Der Chef der CDU NRW kann im Februar nicht bis September, im Winter nicht bis zum Herbst rechnen.



Hessenwahl polarisiert

Nach ihrer Niederlage in Hessen werden die Grünen in der Bonner Koalition verstärkt die Interessen der radikalen Teile ihrer Anhängerschaft bedienen müssen. Parteiintern bedeutet das eine Aufwertung von Trittin gegenüber Fischer. (Ungewöhnlich töricht ist auch insofern, daß Schröder Trittin abkanzeln und Fischer hofieren möchte, also das Geschäft von Trittin besorgt.) Verschärfte Reibereien innerhalb der Koalition dürften Lafontaines Gewicht stärken, weil ihm zunehmend die Aufgabe des Koalitionsmanagers zufallen wird.

Der CDU-Erfolg - er beruht trotz Unterschriftenaktion nicht auf einer Mobilisierung des CDU-Potentials in die Tiefe, sondern im wesentlichen auf dem Abschmieren der Grünen - bekräftigt den Stoiber-Kurs in der Union und kann als erster Pluspunkt Stoibers in der Konkurrenz mit Schäuble um die Kanzlerkandidatur gelten. Zu erwarten ist, daß die CDU jetzt zu ein bißchen mehr Geschlossenheit findet.

Die FDP hat zwar auf Bundesebene meist bessere Ergebnisse als in Hessen erzielt. Gleichwohl stellt ihr jetziges Resultat ihr Überleben auf Bundesebene erneut in Frage. Bei den sechs in 1999 noch anstehenden LTWahlen (Bremen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen, Saarland, Berlin) dürfte sie kaum Erfolgsaussichten haben.

 

EU-Kommissionspräsident

Den EU-Präsidenten müßte nach Brüsseler Übung diesmal ein großes und von links regiertes Mitgliedsland stellen. In Brüssel herrscht der Eindruck, daß Deutschland nicht unbedingt interessiert ist, sondern seinen Anspruch eher gegen Einfluß auf die anstehenden Reformen tauschen möchte. Der BK hat anscheinend signalisiert, daß er mit einer Nominierung erst nach den Wahlen zum EP einverstanden ist.

Blair möchte bekanntlich Großbritannien näher an Europa und EWU heranführen, was mit einem britischen Kommissionspräsidenten leichterfallen könnte.

In Brüssel gilt als üblich, daß Mitgliedsländer mit zwei Kommissarsposten diese auf Regierung und Opposition aufteilen. Diese Regel wird mit der Benennung einer deutschen Grünen unterlaufen.



Binnenmarktrat

BMWi Müller nimmt zusammen mit den zuständigen Abteilungen den Kampf um den Erhalt der europapolitischen Kompetenz seines Hauses auf. Ausdrücklich betonte er in Brüssel, daß er unverändert für 5 Fachräte (Energie, Binnenmarkt, Telekommunikation, Industrie, Verbraucher) zuständig ist. In der Sache formuliert er eine Politik der Kontinuität. Seine Presseerklärung zum Programm der deutschen EU-Präsidentschaft könnte ohne Einschränkung auch von seinem Vorgänger stammen.

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