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Bonn, 26. März 1999

Berichte / Analysen 03/99

Lafontaine perdu

Die Presse sagt einem Kanzler, der offenbar keine Ahnung hat, was Lafontaine zum Rückzug ins Privatleben bewogen hat, einen weiteren Sieg im Machtkampf nach. Tatsächlich haben beide seit einem Jahr übereinstimmend und zutreffend behauptet: Seit Schröder sich in der Frage der Kanzlerkandidatur durchgesetzt hatte, hat es einen Kampf zwischen ihnen nicht mehr gegeben. Schröder hätte einen solchen im übrigen auch nicht gewinnen können. Als Person konnte er sich der SPD aus wahlpolitischen Gründen aufdrängen. Inhaltlich hingegen wird er von der Mehrheit der Funktionärsebene kaum respektiert, die Lafontaine etwa zu zwei Dritteln hinter sich hatte.

Zum Eintritt ins Kabinett Schröder war Lafontaine wegen der Aussicht bereit gewesen, als BMF seine Vorstellungen von einer neuen internationalen Finanzarchitektur umsetzen zu können. Das absehbare Scheitern dieser Pläne hat ihm die Rolle des zweiten Mannes verleidet, zumal seine Arbeitsbelastung auch wegen der Koordinierungsprobleme der Koalition die Schröders sicher deutlich überwog. Offen bleibt allerdings, wieso er die Perspektive nicht verfolgt hat, bei einer echten Koalitionskrise Schröder zu verdrängen.

Da Lafontaines Abgang nicht politisch begründet ist, ist eine pragmatische Wende der rot/grünen BReg auch aus diesem Anlaß nicht zu erwarten. Diese hat ihr Scharnier verloren, wird daher noch schwächer, aber gerade deshalb nicht besser werden. Pragmatischen Akzenten, welche etwa BMWi Müller setzen und BK Schröder aufgreifen könnte, sind von der rot/grünen Konsens-Programmatik her, aus der keine der beiden Seiten die andere ohne beachtliche politische Risiken entlassen kann, jedenfalls enge Grenzen gesetzt. Dabei ist allerdings zu beachten, daß die Grünen offenbar noch unschlüssig sind, ob ihre Niederlage in Hessen eher radikale oder aber pragmatische Konsequenzen nahelegt, wobei Fischer (aus Wunschdenken) zu letzterem neigt. Der für pragmatische Optionen offene Teil der Partei dürfte auf Bundesebene - auf den unteren Ebenen ist er deutlich schwächer - in etwa dieselbe Größenordnung erreichen wie in der SPD, also bei einem Drittel liegen. Am sichtbarsten ist er bei den Finanzpolitikern.

Der SPD-Vorsitz wird Schröder keinen tatsächlichen Machtzuwachs bringen, da eben die Mehrheit der Funktionärsebene ihn nicht respektiert. Der Vorsitz trägt ihm eher das ständige Risiko ein, von der Partei bloßgestellt zu werden. So ist etwa nicht unwahrscheinlich, daß BGF Schreiner auf dem SPD-Sonderparteitag Anfang April mit mehr Stimmen bestätigt wird als Schröder bei der Wahl zum Vorsitzenden erhält.

Einen Koalitionswechsel zur FDP, wie er in den Medien ebenfalls anvisiert wurde, hätte Lafontaine jedenfalls eher bewerkstelligen können als jetzt Schröder, und zwar schon wegen seiner größeren Autorität, aber auch, weil er stets in der Lage war, gerade auch Kehrtwendungen mit Vehemenz als programmatisch geboten darzustellen. Schröder wird eine Richtungsentscheidung kaum zugestanden werden.

Neue SPDS-Strategie

Kurz vor seinem Abgang hatte Lafontaine durch BGF Schreiner noch eine neue PDS-Strategie auf den Weg gebracht. Nach deren Maßgabe sind SPD/PDS Koalitionen auf Länderebene bereits unproblematisch und dem Ziel förderlich, die PDS bis zum Jahre 2002 auch auf Bundesebene kabinettsreif zu machen. Die jetzige Koalition hat gegenüber der jetzigen Opposition (unter Einschluß der PDS) einen Vorsprung von gut 550 Tausend Stimmen (0,8%). Unter Einbeziehung der PDS würde sich dieser Vorsprung auf rund 5½ Mio. Stimmen (3,5%) vergrößern. Die Koalitionsfähigkeit der PDS würde also die Aussicht der SPD, die BReg auch nach der BTwahl 2002 zu führen, deutlich verbessern, so daß die SPD sich eine langfristige Machtperspektive gesichert hätte.

Gegenäußerungen von Schröder, denenzufolge er für eine Zusammenarbeit mit der PDS nicht zur Verfügung stehe, sind belanglos. Zumal er gegen die PDS nur geltend gemacht hat, was auch für jede andere Partei zutreffen sollte: daß es prinzipielle Unterschiede zwischen ihr und der SPD gibt. Und mit einem zusätzlichen Polster von 2 Mio. Stimmen kann die Partei durchaus in Betracht ziehen, auch ohne Schröder auskommen zu wollen. Ob allerdings die SPDS-Strategie auch ohne Lafontaine Durchsetzungschancen hat, ist bis auf weiteres zweifelhaft. Zu den Akten gelegt ist sie damit aber noch lange nicht.

Der IG Metall entkommt niemand?

Die Koalition hat angekündigt, die Chancengleichheit der Tarifvertragsparteien sichern zu wollen (Koalitionsvereinbarungen, I,8). Gemeint ist, daß die 1986 geänderte Rechtslage des seinerzeitigen § 116 AFG (jetzt im 3. Buch des Sozialgesetzbuches geregelt) wiederhergestellt werden soll, so daß Arbeitnehmer unbestreikter Betriebe, welche jedoch wegen Vernetzung mit bestreikten Betrieben schließen müssen, Lohnersatzleistungen aus der Arbeitslosigkeitsversicherung erhalten. Die Feststellung, für welche Betriebe das zutrifft, war seinerzeit den Tarifpartnern überlassen. Weil das BMA davon ausgeht, daß die Arbeitgeber (AGer) zu einer solchen Mitwirkung nicht mehr bereit sein werden, soll auch diese Frage gesetzlich geregelt werden. Demnach ist damit zu rechnen, daß die Leistungspflicht eher umfassender als nach dem alten § 116 AFG ausfällt. Die Neuregelung soll Ende 2000/Anfang 2001 angegangen werden.

Eher zu Unrecht argwöhnt IGM-Boß Zwickel (FAZ, 24.03.99), daß die AGer dagegen halten werden. Unter denen sich vielmehr die resignierende Stimmung ausbreitet: Ob nun Streikgelder aus der Nürnberger Sozialkasse oder nicht - wir knicken ja so oder so ein. Zwickel seinerseits jammert, bei jedem Streik bedrohe die Neutralitätspflicht der BA die Existenz der Gewerkschaften. Hätte er das doch Gesamtmetall schon vor ein paar Wochen verraten! Denn davon hatte z.B. der bayerische M+E-Chef Rodenstock offenbar keinen Schimmer, als er zähneknirschend den Abschluß unterschrieb. War er doch dabei der Halluzination einer neuen Qualität der Erpreßbarkeit von AGern erlegen: Ein Streik legt nicht mehr nur kurz die Produktion lahm, es gehen gleichzeitig dauerhaft Kunden verloren und damit Beschäftigung. Obwohl sie das weiß, hat uns die IG Metall mit massiven Streiks erpreßt (Wirtschafts­zeitung Aktiv, 13.03.99).

Zwickel erstmal beiseite und zur Sache: Kunden können eben, was Lieferanten angeht, heutzutage aus dem Vollen schöpfen. Alternativen gibt es an allen Ecken und Enden unserer kleiner gewordenen Welt, und selbst ohne Internet ist in ein paar Stunden abgeklärt, wer wo welche Konditionen bietet. Daß zumal Auslandskunden sensibel auf Streiks reagieren, ist lange bekannt. Unterdessen sind sie halt schon mimosenhaft geworden. Und naheliegend, wenn auch zu recherchieren, ist die Vermutung, daß zunehmend auch Inlandskunden die große weite Welt der Mitbewerber ihrer Lieferanten entdecken.

Alternativen haben nun aber bekanntlich sogar die Mitglieder der AGerverbände - austreten und dummstellen. Zwickel wünscht sich daher - ehrlich! - starke AGerverbände. So stark natürlich nicht, daß Sie seinem Peters nicht parieren müßten. Aber denn doch mit soviel Macht im Arm, daß sie jederzeit Abweichler wieder auf Linie zu bringen in der Lage sind - der IGM also das schmutzige Geschäft abzunehmen. Verlassen aber mag der Schlauberger sich auf diese Arbeitsteilung auch wieder nicht. Und so gibt er denn an seine Truppen Handreichungen für den tarifpolitischen Häuserkampf gegen Abweichler aus. Denn: Der IG Metall entkommt niemand.

Wirklich nicht? Häuserkampf heißt für die mit dem Weitblick eines Berserkers begabte IGM: den Ast zum Sitzen, den sie sich mit Brachialgewalt abgesägt hat, zweigchenweise wieder zusammenstückeln. Und bei diesem Geschäft en detail wird sie kurzfristig das eine oder andere, mittel- und langfristig jedoch ihr mehr oder weniger flächendeckendes blaues Wunder, genauer: ihr Blaumann-, ihr Malocher- und Betriebsratswunder erleben.

Kurzfristig: Je intimer die Betriebsfamilie, desto geschäftsnäher Betriebsrat und Malocher. Um so begrenzter also die Neigung zu kundschaftsvergraulenden Kraftakten mit folgerichtigem Beschäftigungsabbau. Mit der Betriebsgröße, mit der Distanz der Arbeitnehmer zur Geschäftsleitung sinkt bei sonst gleichen Umständen die Resistenz des Betriebsfriedens gegen Lohnscharfmacherei. In erster Linie sind es die Großen, denen erst der Flächentarif ihren Betriebsfrieden beschert.

Mittel- und langfristig: Die Kommissare der Gewerkschaftszentralen mögen Jahr für Jahr jedes abweichlerische Unternehmen (UNen) zum Lohnkotau zwingen. In jedem einzelnen Fall werden die Folgen für Geschäftsgang und Beschäftigung eins zu eins zurechenbar sein. Und zwar gerade auch für Malocher und Betriebsräte noch nicht kaputtgestreikter UNen. Welche also anfangs immer mal wieder, zuguterletzt aber durch die Bank die Kommissare abblitzen lassen werden.

Hart wird es werden, und es kann dauern. Aber der Verlierer steht bereits fest. Die unternehmensgerechte Lohnpolitik ist auf Dauer nicht mehr aufzuhalten. Rechtswidrige Erpressung unter Vernichtung von Eigentum und Wohlstand, der Streik also, landet daher mittel- bis langfristig in der Sinkgrube der Wirtschaftsgeschichte.

Ökosteuer

Für die zweite und dritte Stufe der Energiesteuer zeichnen sich Änderungen bei den Ausnahmetatbeständen ab. Einerseits werden die erneuerbaren Energien, evtl. auch der ÖPNV, entlastet werden. Andererseits werden die Entlastungen bei der Prozeßenergie zurückgenommen werden. Beides läuft auf zusätzliche Erhöhungen der Normalsätze hinaus. Das RWI rechnet mit einem zusätzlichen Finanzierungsbedarf bei den Lohnzusatzkosten von DM 14 Mrd. und erwartet eine Erhöhung der Benzinsteuer um DM 0,25.

CO2-Reduktion: Selbstverpflichtungs-Bericht

Das RWI hat dem BMWi und dem BDI seinen 2. Monitoring-Bericht zugeleitet. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die deutsche Wirtschaft bei der CO2-Reduktion alles in allem auf gutem Weg ist. Bemängelt wird die Fehlanpassung der deutschen Reduktionspolitik an das internationale Umfeld. Instrumente wie emission trading würden international schon deshalb eingeführt werden, weil die USA zur eigenständigen Erfüllung ihrer Reduktionslast nicht bereit seien und ohne Ablösemöglichkeiten das Kyoto-Protokoll nicht ratifizieren würden. Ferner sei die deutsche Zeitperspektive (Erfüllung des Reduktionsziels bis 2005) an die Kyoto-Vorgabe (2008 bis 2012) anzupassen.

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