März 1995
Der Todesengel des Uwe Barschel
Wie Barschel wirklich starb: Es
war Mord!
Hier ist der Beweis: Der Ex-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein ist 1987 in Genf tatsächlich ermordet worden! Sieben Jahre lang haben alle offiziellen Stellen verbissen an der Selbstmord-These festgehalten. Nicht politische Feinde waren am Werk, keine Waffenhändler, keine Stasi. Er-pressung war angesagt, und der Erpresser war kein anderer als - Uwe Barschel! Mit seinem letzten schmutzigen Trick hat er den Mörder selber ins Spiel gebracht
Weiter im Dunkeln bleibt zunächst noch: Welche hochgestellte Persönlichkeit ist von Barschel erpreßt worden? Und womit? Wen hat ihm sein Erpressungsopfer als Killer auf den Hals geschickt? - Aber jetzt wird endlich aufgedeckt:
- Was wollte Uwe Barschel wirklich in Genf?
- Wie kam es zu dem Mord?
- Wie geschah der Mord?
Zur Erinnerung: Am Sonntag, den 11. Oktober 1987, dringt der Stern-Reporter Sebastian Knauer gegen Mittag in das Zimmer 317 des Genfer Nobelhotels Beau Rivage ein. Im Badezimmer entdeckt - und fotografiert - er die Leiche von Uwe Barschel, vor acht Tagen noch Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Jetzt liegt der Politiker tot in der Wanne, das Badewasser ist noch lauwarm. Bis auf die Schuhe (der eine liegt vor der Wanne, der andere mitten im Zimmer) ist die Leiche vollständig bekleidet. In geschäftsmäßiger Montur, mit Schlips und Kragen war der Mann gestorben, der einmal der Nachfolger von Helmut Kohl werden wollte - in einer Hotel-Badewanne
An der Tür hatte Knauer das für die Zimmermädchen bestimmte rote Schild Bitte nicht stören! vor-gefunden. Auf der Rückseite ist das Schild grün und trägt die Aufschrift Bitte saubermachen. Seit Mitternacht war es mehrfach hin- und hergewendet oder ganz weggenommen worden. Gegen 6 Uhr hing jedenfalls kein Schild aus. Aber beim Bettenmachen ließen die Hotelmädchen das Zimmer dann aus, weil jetzt das rote Schild an der Tür hing. Kurz vor 11 Uhr zeigte das Schild die grüne, aber eben eine Stunde später dann wieder die rote Seite.
Barschel war nicht ertrunken, sondern an Gift gestorben. In der Leiche wurde das tödliche Gift Cyclobarbital nachgewiesen. Außerdem wurden Spuren verschiedener nicht-tödlicher Gifte gefunden. Sie waren vor dem Todesgift in den Körper gelangt, zum Teil mehrere Stunden vorher.
Wie war Uwe Barschel zu Tode gekommen?
I
Der Tod in der Badewanne
Kurz vor Tagesanbruch macht sich der abgestürzte Ministerpräsident auf den Rück-weg ins Beau Rivage. Jetzt holt er zum Gegenschlag aus. Bundeskanzler wollte er einmal werden - und muß nun damit rechnen, daß er hinter Gittern landet. Und wem verdankt er diese Erniedrigung? Seinem schmierigen Kumpan Reiner Pfeiffer, dem Mann fürs Grobe in der Kieler Staatskanzlei. Und natürlich hat der Spiegel wieder seine Hand im Spiel - dieses Skandalblatt, das vor Jahrzehnten sogar den großen Franz-Josef Strauß um sein Amt als Bonner Verteidigungsminister gebracht hat. Ja, und dann war da noch sein eigenes falsches Ehrenwort gewesen Aber Barschel gibt nicht auf. Er kämpft, er fightet - mit dem Mut, der Skrupellosigkeit der Verzweiflung. Die öffentliche Meinung ist fast geschlossen gegen ihn - er muß sie umdrehen. Ja, er sitzt in der Klemme. Aber schon bald soll die Welt glauben: Ganz
und gar ohne eigene Schuld ist er von skrupellosen, gerissenen Dunkelmännern in diese Falle gelockt worden. Für diesen Meinungsumschwung wird Uwe Barschel kämpfen, mit Leib und Seele
Zurück im Zimmer 317, hängt er das Zimmerdienst-Schild mit der roten Seite nach außen an die Türklinke: Bitte nicht stören! Denn vorerst will er in Ruhe gelassen werden. Er schließt ab, zieht die Schuhe aus. Dann schluckt er eine Kapsel mit ein-em leichten Betäubungsmittel. Das wiederholt er in regelmäßigen Abständen. Da-zwischen blättert er lustlos in den Gesammelten Erzählungen von Jean Paul Sartre.
Gegen 11 Uhr ist es dann so weit. Barschel schwankt ins Bad, läßt Wasser ein. Er entriegelt die Zimmertür, dreht das Schild an der Klinke auf die grüne Seite mit der Aufschrift Bitte saubermachen. Hoffentlich ist das Mädchen fix! , denkt er auf dem Rückweg. In der Badewanne will er nämlich gerade möglichst bald gestört werden. Jetzt noch - zur Sicherheit! - die allerletzte Kapsel schlucken, die mit dem Brechmittel. Dann muß alles sehr schnell gehen. Er greift nach den Schuhen, läßt den einen im Zimmer fallen, nimmt den anderen mit ins Bad. Das Mädchen soll beim Eintreten unwillkürlich nach dem zweiten Schuh Ausschau halten und somit schnell ins Bad kommen. Barschel stellt das Wasser ab, klettert in die Wanne. Jetzt wickelt er noch ein Tuch ums Handgelenk. Das ist die Krönung des Planes, den sein neuer Spießgeselle - kein Pfeiffer, sondern ein wirklicher Profi! - für ihn ausgetüftelt hat. Wenn das Mädchen Alarm schlägt, so sein ausgefuchster Tip, bleiben Sie in aller Ruhe sitzen und warten den Fotoreporter ab. Der lungert jetzt schon im Beau Rivage herum. Er ist garantiert vor der Polizei zur Stelle. Wollen Sie Ihr Bild in der Weltpresse mit Erbrochenem im Gesicht sehen? Mit dem Handtuch können Sie das Zeugs abwischen. Auf vorteilhafte Präsentation für Foto- und Fernsehtermine verstand sich Uwe Barschel bekanntlich besonders gut
Der Mann, der sich in der Badewanne für Pressefotos zurechtmachen wollte - sterben wollte dieser Mann sicher nicht. Aber die Kapseln hat er doch freiwillig geschluckt! und freiwillig ist er in die Wanne gestiegen!
Was hat Uwe Barschel also wirklich gewollt?
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Zur Erinnerung: In seinem Hotelbett hat Barschel die Nacht zum Sonntag nicht verbracht, das Bett war unbenutzt. Zeitweilig hat sich aber jemand im Zimmer 317 aufgehalten. Denn gegen Mitternacht hing das rote Schild Bitte nicht stören! aus, wurde dann irgendwann (vor 6 Uhr) wieder von der Tür genommen. Außerdem war in der Nacht auf der Etage ein Poltern zu hören. Im Badezimmer fand sich ein zerbrochenes Glas. Am Vorabend hatte Barschel eine Flasche roten Beaujolais kommen lassen. Die Flasche blieb verschwunden. In der Mini-Bar fehlte ein Whisky-Fläschchen. Barschel hatte laut Obduktionsbefund keinen Alkohol im Blut.
II
Der letzte Kampf des Uwe Barschel
Gegen halb Zwölf erscheint der Mörder persönlich im Beau Rivage. Schon um Mit-ternacht hatte er einen Helfershelfer losgeschickt, der das Zimmer 317 filzen sollte. Aber der gute Mann hat sich mehr um die Alkoholvorräte als um die Papiere geküm-mert, die er sicherstellen sollte. Zuerst hat er eine fast volle Flasche Rotwein geleert, dann noch einen Whisky aus der Mini-Bar nachgeschüttet. Nur gefunden hat er nichts! Die ganze Mühe - schließlich hatte er Barschel unter einem Vorwand über Nacht ausquartieren müssen, um für diese Aktion freie Bahn zu schaffen - war umsonst gewesen. Und nun muß der Chef selber nach dem Rechten sehen. Das ist weiß Gott riskant genug. Ist Barschel denn auch schon tot? Wenn ja, hat dann das Personal noch nichts bemerkt? Wo doch das Türschild, kurz vor Mittag, nun endlich auf Grün steht - die Leute wollen doch ihren Feierabend haben. Und selbst wenn soweit alles in Ordnung ist - wie leicht könnte er dann noch mitten in seiner Suchaktion ertappt werden!
Aber es muß sein. Und es scheint ja auch gut zu gehen! Noch ist alles ruhig, er kann also das Zimmer tatsächlich nochmals absuchen. Bevor er hineingeht, dreht der Mann das Türschild wieder um: Bitte nicht stören! Dann kann er feststellen: der Ex-Ministerpräsident liegt tatsächlich in der Badewanne, und er ist tatsächlich tot. Sein Mörder macht sich nunmehr auf die Suche nach den Schriftstücken, die seinen Auftraggeber verraten könnten. Den Mann, der ihn auf Barschel angesetzt hat, weil dieser ihn erpreßt hatte
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Zur Erinnerung: Erst am Dienstag, vor fünf Tagen, ist Barschel in den Urlaub geflüchtet. Mit seiner Frau Freya fliegt er nach Gran Canaria, bezieht das Ferienhaus eines Freundes. Seit vier Tagen ist er nicht mehr Ministerpräsident. Aber noch steht sein Ehrenwort. Mit den Machenschaften seines Mitarbeiters Reiner Pfeiffer hat er nichts, aber auch ganz nichts zu schaffen! Das hat er der gesamten deutschen Öffentlichkeit ehrenwörtlich versichert. Am Tag nach seiner Abreise stellt sich in Kiel heraus: dieses Ehrenwort war falsch. Die ersten Folgen: Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn, wegen Verleumdung. Und jetzt soll er viel früher als geplant vor dem Untersuchungs-ausschuß des Kieler Landtages erscheinen - schon am kommenden Montag! Barschel muß seinen Urlaub abbrechen. Am Donnerstag bucht er für den Samstag einen Flug über Madrid nach Hamburg, also auf dem kürzesten Weg.
Der Mann, der schon vom Bundeskanzleramt geträumt hatte - was hat er in nur drei kurzen Wochen nicht schon alles einstecken müssen? Die Wahlniederlage, den Spiegel-Titel über Die schmut-zigen Tricks des Uwe Barschel, den Verlust der Macht in Kiel. Und nun ist er noch einmal noch tiefer gesunken. Als Lügner entlarvt, von der eigenen Partei, sie will ihm auch noch den Landtags-sitz nehmen, im Stich gelassen. Und die Uhr tickt unaufhaltsam, der Untersuchungsausschuß hat seine Vernehmung um volle 9 Tage vorverlegt. Unter äußerstem Zeitdruck muß er in aussichtsloser Lage eine neue Verteidigungslinie aufbauen. Sehr heikel kann er da nicht mehr sein
Donnerstag, 8. Oktober. Barschel ist soeben vom Reisebüro zurück, hat notgedrun-gen den Flug über Madrid nach Deutschland gebucht. Aber immer übermächtiger regt sich in ihm der Widerwille: er kann einfach nicht vor den Ausschuß treten - diese schweren Anschuldigungen gegen ihn, sie sind ja so gut wie alle einfach wahr! Und in seiner Not hat er inzwischen - ganz ohne Pfeiffer - noch üblere Sachen auf sein Konto geladen - falsche eidesstattliche Erklärungen, die er Untergebenen, auch seiner Frau abgepreßt hat! Anstiftung zum Meineid also! Auch das fliegt jetzt unweigerlich auf, wie schon sein spektakuläres Ehrenwort. Die Zeit, in der Lügen noch geholfen hatte, ist eben endgültig vorbei. - Der Mann, über den diese Flut von Katastrophen hereinbricht, sieht nur mehr einen einzigen Ausweg: er wählt die ihm als politischem Insider bekannte Geheimnummer des X Privat hat er schon immer gern mit Nachrichtendienstlern, Herren vom Abschirmdienst, Verfassungsschützern verkehrt. Die in diesen Kreisen umlaufenden Latrinengerüchte über X kennt er aus dem Effeff. Konkretes hat er natürlich nicht in der Hand. Aber er muß jetzt einfach hoch, sehr hoch pokern.
X ist über seinen Anruf nicht gerade erfreut - wer läßt sich schon gern mit einem ab-gehalfterten Kollegen ein? Patzig zieht Barschel vom Leder: Entweder Sie helfen
mir aus dieser Geschichte heraus - oder Sie gehen selber hoch! Ich kenne Ihre Leichen im Keller Ich habe alles schriftlich! Soll ich mal vorlesen? X behält die Nerven. Auf die Schmutzgeschichten, die der hysterische Anrufer ihm vorhält, geht er gar nicht erst ein. Wozu auch? Barschel hat ganz klar den Durchblick verloren, will nur noch mit dem Kopf durch die Wand. Kühl fragt X zurück: Wie um alles in der Welt soll ich Sie denn da noch herausholen?
Und nun entwickelt Barschel einen Plan, der noch stümperhafter ist als alles, was er, mit oder ohne Pfeiffer, schon in Kiel ausgeheckt hat: Absolut vorrangig ist für den Anfang: daß ich am Montag nicht vor den Ausschuß muß. Für eine Zwangsvor-führung als Lügenmaul gebe ich mich nicht her - auf gar keinen Fall. Einfach absa-gen kann ich auch nicht - das macht alles nur noch schlimmer. Ich brauche was Drastisches, etwas das sogar der Linkspresse das Maul stopft. Ein Mordanschlag auf mich, dem ich mit knapper Not entrinne und der mich für ein paar Tage ins Lazarett bringt - das ist das richtige Kaliber.
Am anderen Ende der Leitung wieder kein Kommentar. Knapp kündigt X an: Ich habe da jemanden an der Hand, der sich auf so was versteht. Das ist Ihr Mann! Geben Sie mir Ihre Nummer - er ruft Sie in ein paar Stunden an.
Der frischgebackene Erpresser Barschel legt auf, triumphiert: Den Meister hat er im Griff! Jetzt sieht er wieder Land. Die deutsche Öffentlichkeit wird sich noch wundern! Diese Operation wird sein Befreiungsschlag! Zwei Fliegen erledigt er mit einer Klappe. Das erniedrigende Schauspiel vor dem Untersuchungsausschuß bleibt ihm erspart. Und allen, die nicht ihm, sondern Pfeiffer und dem Spiegel glauben, wird eingehämmert: Dieser arme Barschel ist unschuldig! Nur knapp dem Tod entgan-gen, ist er offensichtlich das Opfer skrupelloser Dunkelmänner. Schließlich schrecken diese Typen nicht einmal vor Mord zurück. - Und damit wird Barschel am Ende sogar recht behalten. Wenn auch ganz anders, als geplant
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Zur Erinnerung: Den Flug über Madrid nach Hamburg storniert Barschel noch am Buchungstag. Stattdessen bucht er jetzt für Samstag einen Flug nach Genf, für Sonntag den Weiterflug von dort nach Hamburg. Gegen seine Gewohnheit steigt er in Genf im Hotel Beau Rivage ab, nicht wie sonst im Hilton. Also nicht dort, wo seine Angehörigen - fast seine ganze Familie hält sich gerade bei Genf auf - ihn suchen werden. Am Sonntagmorgen, etwa 1½ Stunden vor seinem Tod, ruft sein Bruder Eike vergeblich im Hilton an. Als er von dort, dann auch vom Intercontinental die Auskunft erhält: Kein Uwe Barschel unter den Gästen, schaltet Eike die Polizei ein.
III
Der Mordplan - Teil 1
Gezwungenermaßen ist X in das Schwindelunternehmen Weiße Weste für Uwe Barschel eingestiegen. Mit dem Mann, den er dem Erpresser auf Gran Canaria zur Hilfe schicken will, spricht er die Sache durch. Dieser dritte Mann ist ein eiskalter Profi Sofort ist ihm klar: Sein honoriger Auftraggeber sitzt in einer ganz bösen Zwickmühle. Und fast ebenso rasch erkennt er den Ausweg: Die Geschichte mit dem getürkten Mordanschlag ist ausbaufähig! Erpresser Barschel will freiwillig das Opfer eines versuchten Mordes spielen. Warum also nicht Nägel mit Köpfen machen! Fängt doch auch jeder gelungene Mord erst einmal als Mordversuch an.
X hat dieser nüchternen Analyse mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht. Was dieser unselige Barschel da ausgebrütet hat, ist ja tatsächlich ein absolut faules Ei. Das geht also ganz klar in die Hose. Und wer ist der Dumme? Wird der alsdann wieder einmal erwischte Barschel den Mund halten? Seinen Handlanger und dessen Auftraggeber, ihn selber also, decken? aus bloßem Anstand etwa? In seinem hysterischen Zustand wird er das nicht schaffen. Nein, nicht einmal wollen wird er das - im Gegenteil! Geradezu gierig wird er sein, sie beide bloßzustellen, sie mit in den Sumpf zu ziehen. Und dann wie bereits angedroht die alten Geschichten dazupacken Die Medien-Scheinwerfer auf X umlenken - das wird sein allerletzter Strohhalm sein. Welch ein Fressen für die Schlagzeilenschreiber! Barschel beschuldigt ! Wie soll er sich dagegen wehren? Was könnte er - vom Vorschlag seines Gegenüber einmal abgesehen - dem Barschel denn noch anhaben? Der steckt ja schon im Sumpf, bis über beide Ohren. Über Verleumdungsklagen kann der doch nur noch lachen. - Mit den Zeitungsleuten ist X ja bislang, alles in allem, mit links fertiggeworden. Aber wenn ein Mann von diesem politischen Kaliber die Dreckschleuder gegen ihn auffährt, ist die Öffentlichkeitswirkung hundert-, ach was, tausendfach verstärkt! - Und wenn Barschel wider Erwarten doch dichthalten sollte? Dann hätte er X erst recht in der Hand. Dann kommt eine endlose Spirale immer tollerer Erpressungen in Gang - nein danke!
Sie haben recht. So wird es gehen. Von mir aus haben Sie freie Hand. Geld spielt keine Rolle. Und damit wir uns verstehen: Nichts darf bei seinen Papieren bleiben, was auf mich - oder auf Sie - hinweisen könnte. Sonst können wir uns die Sache gleich sparen. Damit ist also beschlossen: Der Mann, der Uwe Barschel aus der Patsche helfen soll, sein Retter aus höchster Not, wird sein Todesengel sein
Wie nun wird dieser tödliche Retter vorgehen? Mit der Praxis des Selbstmordes ist er bestens vertraut. Das zahlt sich aus, wenn man einen Mord als Selbstmord tarnen will Will der Todesengel das etwa? I wo, hat er gar nicht nötig - sein Opfer selber wird ja jede Spur von ihm verwischen Sein Selbstmord-Wissen nutzt er nur, um dieses Opfer zur eifrigen Mitarbeit an seiner eigenen Ermordung zu motivieren. Denn dafür ist die Sache mit der Badewanne ideal Noch am Telefon bespricht er die ersten Schritte mit dem ahnungslosen Barschel. Was, Sie haben schon über Madrid gebucht? Unbedingt stornieren! Wir bringen das in Genf über die Bühne - da kenne ich mich aus.
Auch das Beau Rivage in Genf kennt der Todesengel wie seine Westentasche. Also dirigiert er Barschel dorthin. Der ist leicht überredet. Sein Bruder Eike wohnt in der Nähe von Genf. Zu ihm hat er vor ein paar Tagen seine vier Kinder geschickt. Er kann seiner Familie nicht gut verheimlichen, daß er in Genf ist, mit dem Auto eine knappe halbe Stunde entfernt. Wenn alles vorbei ist, würde das Verdacht erregen. - Er kann sich aber auch nicht mit seinen Leuten abgeben, hat weiß Gott Wichtigeres zu tun, wird sie also hinhalten müssen. Und dann besucht Ihr Bruder Sie einfach von sich aus im Hilton, steht mitsamt Ihren Kinder auf der Matte! Das kann uns alles vermasseln! Sagen Sie Ihrem Bruder ruhig, Sie sind im Hilton. Dann sind Sie im Beau Rivage halbwegs sicher vor ihm.. Barschel ist tief beeindruckt. Dem Mann kann er vertrauen - er denkt offenbar an alles
Soviel für heute! Die Einzelheiten besprechen wir am Samstagabend in Genf. Mit diesen Worten beendet der Todesengel den Erstkontakt zu seinem Opfer.
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Zur Erinnerung: Schon wenige Tage nach Barschels Tod kann die Illustrierte Stern aus bester Quelle berichten, warum er nach Genf geflogen war und was er dort getrieben hat. Demnach hat der Ex-Ministerpräsident noch auf dem Flughafen Genf einen Unbekannten getroffen, der sich als Robert Roloff ausgibt. Roloff soll bereit und in der Lage sein, Pfeiffer ans Messer zu liefern - und Barschel reinzuwaschen! Wie das? Indem er den Hintermann von Pfeiffer bloßstellt. Zu diesem Zweck will er Barschel am späten Samstagabend ein Foto aushändigen, auf dem dieser Hintermann zusammen mit Pfeiffer zu sehen ist.
Die Spekulationen über den geheimnisvollen Kontaktmann Barschels halten bis heute an. Für neue Gerüchte sorgte 1993 der Bonner Untersuchungsausschuß in Sachen Schalk-Golodkowski. Hinter Robert Roloff soll sich niemand anders verbergen als - Markus Wolff, 1987 noch gefürchteter Chef des SED-Geheimdienstes Und im Dezember 1994 kommt eine leicht abgespeckte Version auf den Markt: nicht Wolff selber, sondern nur sein bester Mann soll als Roloff aufgetreten sein.
Doch von Robert Roloff gibt es keinerlei, auch nicht die allergeringste reale Spur. Seinen Bericht über den Treff auf dem Flughafen hatte der Stern von A bis Z abgekupfert - aus Notizblättern von Uwe Barschel. Stern-Reporter Sebastian Knauer hat diese Notizen bei seinem Einstieg in Barschels Sterbezimmer auf dem Nachttisch gefunden und fotografiert. Daß er sein angebliches Wissen den letzten Zeilen des Uwe Barschel entnommen hatte, verschwieg der Stern seinen Lesern.
Geleimt worden war aber auch die flotte Illustrierte selber - von ihrem inoffiziellen Mitarbeiter Barschel. Allerdings: Wie dem Stern im Jahre 1987, ergeht es bis heute fast allen, die sich mit seinen Notizen befassen. Eine entscheidende Tatsache fällt nämlich regelmäßig unter den Tisch: Daß sein Text in fremde Hände geriet, hat Barschel gewollt. Genauer gesagt: Nur darum, und zu keinem anderen Zweck, hat er ihn überhaupt geschrieben Natürlich nicht für den Stern. Ge-dacht waren seine Notizen vielmehr für die Genfer Kriminalpolizei.
IV
Barschels letzte Botschaft
Samstag, 10. Oktober. Seit 10.30 Uhr sitzt Barschel im Flugzeug nach Genf. Bis zur Landung hat er gut vier Stunden Zeit. Entspannen kann er sich nicht - er steht vor dem Coup seines Lebens. Unaufhörlich kreisen seine Gedanken Nach dem miß-glückten Mordanschlag muß die Genfer Kripo ja nach den Tätern fahnden. Wird sie dabei nicht auf Schwachpunkte stoßen? Vor allem wird er wohl erklären müssen, wieso er überhaupt nach Genf statt - wie zunächst ja geplant - auf dem kürzesten Weg nach Haus geflogen ist. Aber wenn alles klappt, wird er ja gar nichts erklären können - dann liegt er ja vernehmungsunfähig auf der Intensivstation! Irgendwie muß er aber dafür sorgen, daß die Kripo trotzdem auf alle verfänglichen Fragen plausible Antworten bekommt - wenn nicht mündlich, dann eben schriftlich
Nun kann er nicht gut einen Vermerk für die Ermittlungsbehörden anfertigen, bitte nach dem Mordversuch an mir lesen. Er braucht einen Vorwand für die Notizen, mit denen er die Kripo impfen will. Wie wär´s mit Unterlage für Untersuchungsaus-schuß? Glänzende Idee - wieder zwei Fliegen mit einer Klappe! Seine Notizen werden zusätzlich beweisen, daß er sich im Flugzeug auf seinen Auftritt vor dem Ausschuß vorbereitet hat! Er war also fest entschlossen, am Montag dort zu erscheinen. In diesem Sinne greift Uwe Barschel zur Feder
Aber wirklich klar denken kann er eben schon längst nicht mehr, der Mann, der da abgehetzt im Flugzeug sitzt. Tatsächlich liefern die Notizen eine Erklärung dafür, warum er auf dem Weg nach Genf ist. Aber was in aller Welt soll das den Untersu-chungsausschuß angehen? In Genf - so die Notizen - will Barschel den Robert Roloff treffen. Das wäre zwar auch in Madrid gegangen. Aber weil er dem Mann die Anreisekosten aus Deutschland ersetzen muß, ist er auf den Umweg über Genf gekommen - dann ist Roloffs Anreise kürzer, also billiger. (Auch daß Roloff mit dem Auto kommt, hält Barschel gewiß nicht für den Untersuchungsausschuß fest. Sondern er will der Polizei erklären, wieso sein Phantom nicht in den Passagierlisten auftaucht. Und noch ein schwerer Fehler unterläuft dem Notizenschreiber: Den Treff mit Roloff will er am Freitag vereinbart haben, den Flug nach Genf hatte er aber schon am Donnerstag gebucht.) Und dann kann Barschel von Genf aus zwischen-durch auch noch seine Kinder besuchen, die in der Nähe Ferien machen. - Soweit, so gut. Aber angeblich präpariert Barschel sich doch gerade für den Untersuchungs-ausschuß! Er kann doch von diesem Gremium nicht im Ernst die Frage erwarten: Warum sind sie eigentlich nicht über Madrid, sondern über Genf in unser schönes Schleswig-Holstein zurückgekommen? Und selbst wenn er diese sonderbare Frage für denkbar gehalten hätte - die schlichte Antwort: Ich wollte Geld sparen und meine Kinder besuchen, hätte er sich zur Not doch wohl auch ohne Spickzettel zutrauen müssen! Nein - auf seinen Ausschußauftritt ist das nicht gemünzt, was Barschel da zu Papier bringt!
Andererseits: Warum das Opfer eines Mordversuches überhaupt am Tatort war, muß durchaus keine sonderbare Frage sein. Vor allem dann nicht, wenn dieses Opfer in dem Verdacht steht, dem Barschel vorbeugen will, nämlich die Tat eigen-händig getürkt zu haben Für einen argwöhnischen Polizisten wäre dann die Frage schon ziemlich naheliegend: Ist der Mann womöglich nur nach Genf gekommen, weil er hier mit einem Komplizen verabredet war? Aber nein! hätte Barschel bei seiner Vernehmung dann beteuern können, ich wollte Geld sparen und meine Kin-der besuchen! Aber nun will er ja nach dem Anschlag gerade nicht vernehmungs-fähig sein. Also gibt er diese Antwort vorab schriftlich, noch auf dem Flug nach Genf, ziemlich genau 24 Stunden vor dem Ereignis, das die Frage erst sinnvoll macht
Kein einziges Wort verliert Barschel in seinen angeblichen Unterlagen für den Un-tersuchungsausschuß dagegen über die Vergangenheit, um die es dort ja aus-schließlich gehen soll. Stattdessen protokolliert er pedantisch seine angebliche Gegenwart, bis hin zu Belanglosigkeiten wie: das Auto, mit dem Roloff angereist sein soll, hat er nicht gesehen. Warum er das aufschreibt? Wenn er wieder bei Kräf-ten ist, soll ihm die Polizei nicht vorhalten, daß er weder Typ noch Kennzeichen angeben kann. (Er will also das polizeiliche Verhör schließlich doch noch erleben!) Am Vortag seines Todes bastelt Barschel an einer Indizienkette, die ihm den Ver-dacht der Mittäterschaft ersparen soll. Also weiß er - nein: er glaubt zu wissen -, was ihm blüht. Aus den Belanglosigkeiten für Kiel, die Uwe Barschel am Samstag im Flugzeug fabriziert, sind am Sonntag wichtige (wenn auch falsche) Indizien für Genf geworden. Von sämtlichen Barscheleien die einzige, die wenigstens halbwegs geklappt hat
Doch er muß noch einmal draufsatteln. Denn am Genfer Flughafen passiert etwas, womit er beim besten Willen nicht rechnen konnte - da steht nun wirklich einer und wartet auf ihn! Natürlich nicht Roloff, den es nur auf dem Papier gibt. Sondern der Stern hat einen Reporter der Zürcher Weltwoche als Wachtposten angeheuert. (Der Mann, den die Redaktion auf Gran Canaria postiert hatte, kann Barschel dort nicht mehr orten - er könnte also die Maschine nach Genf genommen haben.) -. Soeben hat der von den Sensationsmedien derzeit höchstgehandelte deutsche Politiker seinen Reisekoffer zur Aufbewahrung gegeben - wieder ein Schachzug Nur mit einem Handköfferchen ist er ins Hotel gegangen, soll die Kripo ermitteln. In Genf wollte er sich also wirklich nur kurz aufhalten! Jetzt hastet er zum Taxistand. Und da will ihn doch tatsächlich so ein Pressebengel aufhalten: Sie sind doch Herr Barschel? Nein, der will er lieber nicht sein - schon gar nicht jetzt, auf halbem Weg zum Stelldichein mit dem bestellten Scheinmörder Halbgeistes-gegenwärtig macht Barschel auf Kannitverstan: No, no What do you want? I don´t understand. (Typisch: er ist seinem Spiel einfach nicht gewachsen: Wenn er nicht versteht, wieso antwortet er dann mit Nein!?) Energisch drängelt er sich an dem Pressemann vorbei, zum einstweilen rettenden Taxi.
Aber sein Notizpapier-Alibi ist ja nun erst einmal Makulatur. Der Mann von Welt-woche/Stern wird ja morgen abend knallhart bezeugen können: vom Gepäck-schalter bis zum Taxistand war der Herr Ministerpräsident mutterseelenallein - auf weiter Flur kein Roloff Innerlich auf die Presse fluchend - von der guten alten Lei-denschaft der Politiker, ihrer Medien-Haßliebe, ist ihm, weiß Gott, nur mehr der blanke Haß geblieben - kutschiert Barschel in sein Hotel. Wie um Himmels willen soll er dieses Flughafendebakel denn wieder ausbügeln? Was tun?
V
Der Mordplan - Teil 2
Mit 43 Jahren ist Uwe Barschel in seinem Sterbezimmer angelangt, im Zimmer 317 des Genfer Nobelhotels Beau Rivage. Zum Nachdenken kommt er gar nicht erst - kaum hat er den Mantel abgelegt, da schrillt auch schon das Telefon. Der neue Mann ist fix Kurz und knapp schlägt er dem Todeskandidaten Ort und Zeit für die fällige Strategiesitzung vor. Sein geschäftsmäßiger Ton gefällt Barschel. Ja, er ist in guter Hand - es geht wieder vorwärts In zwei Stunden schon werden sie zusam-mensitzen und den Sonntagmittags-Coup festklopfen.
Aber braucht er dann nicht wieder ein Alibi, für heute Abend? Dafür könnte er doch seine Flugzeug-Notizen fortschreiben! Ja! und damit kann er zugleich das Problem lösen, das ihm dieser verflixte Pressefritze eingebrockt hat. Er wird die Tatsache, daß er auf dem Flughafen ohne Roloff erwischt wurde, einfach aus der Welt schrei-ben. Und somit entsteht eine weitere Notiz mit doppelter Funktion (Zwei Fliegen mit einer ): 17.10 Uhr Hotel Beau Rivage. Treffen mit R.R. hat geklappt
Nanu? Da war doch so ein Zeuge, der ? Abwarten! Das Wichtigste zuerst: Barschel kündigt für den Abend ein Wiedersehen mit Pappkamerad Roloff an. Damit hat er sein Alibi für das Strategiegespräch. Erst ganz zum Schluß, sozusagen beiläufig-unauffällig, kommt er auf den Auftritt mit dem Mann von der Weltwoche zu sprechen (Zur Erinnerung: Die Notizen sollen für den Untersuchungsausschuß des Kieler Landtages bestimmt sein! Wie der wohl staunen wird, daß der Ex-Mini-sterpräsident auf dem Flughafen von einem Reporter angequatscht wurde ) Und nun erfährt die Genfer Kripo, warum sie die Aussage des Frank Garbely (so heißt der Journalist) vergessen kann: der ist nämlich von dem cleveren Politiker glatt geleimt worden. Nach ein paar Taxi-Runden um den Flughafen, schreibt Barschel, ist er einfach zum Terminal zurückgekehrt und hat dort den brav wartenden Roloff begrüßt
Warum aber nun noch ein Treff mit Roloff? statt, wie in der Erst-Notiz in Aussicht gestellt, die Kinder bei seinem Bruder Eike zu besuchen? Nun, der so hilfsbereite Robert Roloff mauert, hat noch nicht ausgepackt. Sondern sich strikt geweigert, den Hintermann von Pfeiffer, den eigentlichen Drahtzieher der Kieler Affäre beim Namen zu nennen. Aber diese (nach Erst-Notiz wortbrüchige) Bockigkeit nimmt Barschel wie selbstverständlich hin Schon das Versprechen hatte er ja selber frei erfunden. Den Wortbruch erfindet er jetzt noch dazu, weil er eben ein neues Alibi braucht, für einen Termin mit einem Kontaktmann aus Fleisch und Blut
Mit unheilsschwangeren Worten deutet Barschel noch an, warum Roloff sich so bedeckt gibt: weil sonst selbst in Gefahr. Soll heißen: Sie sehen, Herr Kommis-sar, Roloff war schon am Samstag klar, daß ich, Uwe B., in höchster Gefahr schwebte, und auch er selber war in Todesangst! Beim Wiedersehen aber wird Roloff nun doch den Mann entlarven, dessen bloßer Name schon den Tod bedeutet Nein, nicht wie er heißt, das wird wieder nicht verraten! Aber er wird Barschel ein Foto aushändigen, das den Hauptbösewicht zusammen mit Pfeiffer zeigt. Das ist der letzte Ausblick, den der Ex-Ministerpräsident seinen Lesern auf den Abend in Genf gewährt
Und die Wirklichkeit? Nach Einbruch der Dunkelheit verläßt Barschel das Hotel durch den Nebenausgang und sucht seinen Komplizen auf, zur Vorbesprechung des großen Coups. Der andere kommt gleich zur Sache: Zuerst die Todesart: Ich kann auf Sie schießen, aber ich darf Sie nicht treffen. Ihre Freunde von der Presse werden im Chor höhnen: Ist ihm ja nichts passiert - gestellt! ganz klar gestellt! Ich kann Sie zusammenschlagen lassen, aber mehr als ein bißchen wehten ist dann ja wohl auch nicht drin, oder? Sie können Pillen schlucken und sich aufs Bett hauen - solange Sie keine Leiche sind, kommt uns die Journaille bei diesen Standard-situationen doch immer mit derselben Leier: Schon wieder eine Barschelei!
Der Affären-Politiker sieht ein: nach den Kieler Tricksereien ist es gar nicht so leicht, der feindseligen Öffentlichkeit eine astreine Mordversuchsnummer aufzudrücken. Und nun präsentiert der Selbstmordexperte ihm, dem Selbstmordlaien, die Lösung nach Maß - die mit der Badewanne: Stellen Sie sich das Foto vor: Sie liegen mit Schlips und Kragen in der Wanne, vollgestopft mit Betäubungsmitteln und nur aus purem Zufall nicht ertrunken - weil die Dosis zu hoch war und Ihr Magen rebelliert hat! Da kommt keiner auch nur auf die Idee: Das ist getürkt. Das ist echt, das sieht man doch!
Barschel ist hingerissen. Woher soll er auch wissen, daß ihm ein Rezept angedient wird, das von einem Selbstmörder-Club stammt, der Gesellschaft für Humanes Sterben? Ein paar Tage später wird sie ihr Urheberrecht an Barschels Sterbe-szenario öffentlich reklamieren. Vor dieser Erklärung hatte die Laienwelt die Meldung von der Politikerleiche in der Badewanne gerade so aufgenommen, wie der Mörder es dem leichtgläubigen Opfer ausgemalt hatte.
Und nun zu den Tätern, fährt Barschels Pläneschmied fort. Sehen Sie diese Kapseln hier - ein leichtes Betäubungsmittel, das nicht im Handel ist. In Geheim-dienstkreisen dient es als Wahrheitsdroge. Beim Magenauspumpen wird man Spuren davon finden - keine Sorge: die Wirkung wird schon restlos verpufft sein -, und damit wird schlagartig klar, welche Herrschaften Ihnen ans Leder wollten. Dafür sorge ich dann schon.
Aussagen werden Sie folgendes: Sie sind vom Hotel aus hierher gegangen, zum Treff mit Roloff. (Wenn die Polizei hier ankommt, bin ich längst ausgeflogen.) Sie haben hier aber nur einen Unbekannten angetroffen, hat sich Meier oder Schmidt genannt, der Ihnen erklärt hat: Roloff hat Angst, auch Sie - und Sie vor allem - sind in allergrößter Gefahr, dürfen jetzt um keinen Preis wieder ins Hotel. Sie haben daher die Nacht hier verbracht. Die Polizei hat dann ja schon zu Protokoll genommen: Ihr Bett war unberührt, und jetzt liefern Sie die schlagende Erklärung dafür: Sie hatten schlicht und einfach Angst, Todesangst. - Beim Frühstück hier - sagen Sie dann weiter aus - ist Ihnen urplötzlich speiübel geworden, und Meier oder Schmidt hat darauf bestanden, einen Arzt zu rufen. Nun mußten Sie aber zum Auschecken ins Hotel - der Flug ist ja für 14.45 Uhr gebucht, und Sie wollten unbedingt rechtzeitig in Kiel sein, wegen des Ausschusses. Der Arzt wurde also zum Beau Rivage bestellt, und Sie haben sich dorthin auf den Weg gemacht. Sie waren benommen, Schmidt oder Meier hat sie fürsorglich begleitet. Der Arzt war dann sofort auf Ihrem Zimmer, hat Ihnen Medikamente gegeben - und ab dann haben Sie Blackout. Den Rest kann sich die Polizei selbst zusammenreimen: die beiden Männer haben Sie betäubt in die Wanne bugsiert und wollten Sie ertrinken lassen.
Und was machen wir wirklich? fragt ein fast schon ehrfürchtiger Barschel an. Tatsächlich gehen Sie noch vor Tagesanbruch ins Hotel. Natürlich allein - sind ja in bester Verfassung. Geben Sie acht, daß niemand Sie erkennt - Sie sagen ja aus, daß Sie gut zwei Stunden später und in Begleitung gekommen sind. Hängen Sie das rote Türschild aus, damit Ihnen das Zimmermädchen nicht noch hereinplatzt. Sie nehmen diese Kapseln ein, eine pro Stunde. Sobald Sie die Benommenheit sehr stark spüren, ist es Zeit. Sie schließen die Tür auf - Ihr Zimmer muß unbedingt zugänglich sein -, drehen das Schild um. Sie lassen Badewasser ein und nehmen zuletzt noch diese Kapsel mit dem Brechmittel ein. (Das geben Sie ja gleich wieder von sich - im Magen also keine Spur davon!) Dann aber bloß keine Zeit mehr verlieren! sofort in die Wanne, bevor es losgeht. Das Zeug wirkt augenblicklich.
Muß das Brechmittel sein? will Barschel wissen. Unbedingt - zu Ihrer eigenen Sicherheit. Sie dürfen um keinen Preis einschlafen. Es kann ja doch eine Zeitlang dauern, bis das Zimmermädchen kommt, und dann rutschen Sie uns noch wirklich ins Wasser ab Soviel Umsicht nötigt Barschel aufs neue Respekt ab, aller-höchsten Respekt. Und zu alledem dann noch die Krönung: das Handtuch wegen der Pressefotos - echt professionell!
Das Handtuch bringt der Todesengel nur ins Spiel, um das Vertrauen seines Opfers in das angebliche Brechmittel zu unterfüttern. Denn übergeben wird sich der gestürzte Ministerpräsident in der Wanne ganz sicher nicht mehr. Die letzte Kapsel ist ja mit dem Todesgift gefüllt. Eine Sonderanfertigung, wie die anderen Kapseln auch. Denn in der Tat sind die Medikamente nicht mehr im Handel. Dem Mörder sind sie als Reinsubstanzen zugänglich, bei der Unterbringung in Kapseln hatte er sie extra hoch dosieren können. Alles weitere konnte er dann seinem Opfer überlassen, das jetzt tot in der Wanne liegt.
VI
Bilanz
Aber wo - verdammt! - sind denn nun die Unterlagen? Der Mörder hat das Zimmer 317 im Beau Rivage auf den Kopf gestellt. Sehr viel Arbeit war das allerdings nicht gewesen, alle Schränke sind ja leer. Seinem trinkfreudigen Mitarbeiter hat er also Unrecht getan: tatsächlich Fehlanzeige! Aber was ist das? In der Manteltasche seines Opfers findet der Todesengel das Flugticket. Noch einmal schaltet er blitzschnell: das ist zugleich der Gepäckschein für den Reisekoffer des Toten! Den hatte Barschel ja am Flughafen gelassen, als einen Beweis mehr, daß er einen knappen Tag später nach Kiel weiterfliegen wollte.
Also nichts wie hin! Der Mann packt rasch noch die beiden Flaschen ein (sein Mitar-beiter könnte Fingerabdrücke hinterlassen haben), in der Hast vergißt er zuguterletzt - sein einziger Fehler! - das Sterbezimmer von außen abzuschließen. Jede Minute ist jetzt kostbar. Er muß am Gepäckschalter stehen, bevor die Todesnachricht über die Sender geht. Sonst könnte dem Dienstmann der Name des prominenten Toten auf dem Ticket auffallen. Sobald er den Koffer sichergestellt hat, wird er ihn nach Deutschland schaffen
Uwe Barschel ist also bei dem gemeinschaftlich unternommenen Versuch, einen Mordanschlag auf sich vorzutäuschen, von seinem Komplizen ermordet worden. Ist das nun tatsächlich bewiesen? Nicht mit allerletzter Sicherheit, aber doch über jeden vernünftigen Zweifel hinaus! Oder?! Könnte Barschel nicht doch gewußt, somit auch gewollt haben, daß die eine Kapsel tödlich war? Könnte ihm zum bitteren Ende nicht doch noch aufgegangen sein, wie hoffnungslos seine Lage wirklich war? So daß der Tod in der Badewanne ihm als das erschien, was er letzten Endes ja wahrhaftig auch war - als das kleinere Übel?
Nein, das sind keine vernünftigen Zweifel! Ein Uwe Barschel, der sich unter Vortäu-schung eines Mordes - massiv täuschen wollte er so oder so, das beweisen die Notizen über jeden Zweifel hinaus - selber hätte töten wollen, ein solcher Uwe Barschel hätte die Badewanne nie und nimmer akzeptiert! Denn sie stammt aus der Küche der Gesellschaft für Humanes Sterben, läßt also gerade unmittelbar an Selbstmord denken. Mit völliger Sicherheit hat ihm sein Helfershelfer zumindest das arglistig verschwiegen! Dieser Betrug verrät: der Komplize hatte ein anderes Ziel im Kopf als Barschel selber
Auf der anderen Seite belegen seine Notizen zwischen den Zeilen, daß Uwe Barschel leben wollte. Zwar bringen sie kaum mehr als zwei magere Sätzchen, die ihrem Tatsachengehalt nach als wahr passieren können - allein der unverhoffte Auftritt des Reporters auf dem Flughafen hatte sie diktiert: Als ich ausstieg, wurde ich von Weltwoche-Journalisten empfangen und fotografiert. Tat, es sei Irrtum. Bei aller Flunkerei aber sieht Barschel zu, daß er den Bogen nicht überspannt. Die zweite Notiz fertigt er nach dem Treff mit Roloff an, also sollte sie - das glaubt er zumindest - das Ergebnis dieses Treffens dokumentieren. Und hier nun backt Barschel kleine Brötchen, gesteht praktisch ein: Er ist genauso klug wie vorher, Roloff hat nichts Brauchbares geliefert, nicht einmal den Namen des Hinter-mannes. Und was noch nachkommen soll, ist nur ein Foto, das ja der Natur der Sache nach höchstens - und überflüssigerweise - Pfeiffer kompromittieren, aber seine eigene Unschuld doch nun beim besten Willen nicht beweisen könnte. Wie wohl sollte ein Bild von zwei noch so bösen Männern beweisen, daß ein Dritter irgendetwas nicht getan hat?
Gegenüber seinen Geschwistern trägt Barschel etwa zur gleichen Zeit weitaus dicker auf. Seinem Bruder sagt er am Telefon, er glaube, jetzt den ersten großen Mosaikstein in den Händen zu haben, der beweise, daß ein großes Komplott gegen ihn geschmiedet worden sei. Seiner Schwester preist er zwar auch das Foto an, aber eben nur unter Ferner liefen, nämlich als zusätzlichen Knüller. Was jetzt die Hauptsache sein soll, klingt in der Tat schon handfester: daß er schon so viele Informationen bekommen hat, die jetzt schon ausreichen, um ihn zu entlasten.
Hätte dieser triumphale Satz nicht auch bestens in die fast zur selben Zeit ent-standene Zweit-Notiz gepaßt? Ja und nein! Ja - wenn Barschel am Montag nicht mehr hätte leben wollen. Nach seinem Tod hätte dann dieser Satz unwiderlegbar die Pointe suggeriert: Er war ganz dicht am Ziel, und eben deshalb wurde er ermordet! Ein Abgang also mit Fanfare Andernfalls aber, wenn Barschel leben wollte: Nein! ganz entschieden nein! Seit Ihrer Ankunft in Genf sind Sie also im Besitz von Informationen, die Sie hinreichend entlasten? Dann lassen Sie doch mal hören! Ein überlebender Barschel - das ist so sicher wie das Amen in der Kirche - wäre mit dieser Forderung konfrontiert worden. Und nicht mit dem allerwinzigsten ent-lastenden Detail hätte er tatsächlich aufwarten können Diese Peinlichkeit am Morgen danach will der Notizen-Fälscher sich ersparen, und deshalb läßt er die faustdicken Lügen beiseite, die er seinen Geschwistern ungeniert auftischt. Man sieht: beim Schreiben denkt Barschel immer an das erste Verhör nach seiner Genesung - und somit an sein Leben nach dem Mordanschlag! - Jenseits aller vernünftigen Zweifel steht damit insgesamt fest: Uwe Barschel wollte sich der Öffentlichkeit als Opfer eines Mordversuchs präsentieren, hat diesen Versuch mit Hilfe eines Komplizen gestellt und ist dabei von diesem Komplizen ermordet worden.