Bonn, 10. November 1998
Berichte / Analysen 10/98
Der
dritte Weg führt über Europa
PM Blair wird versuchen,
der Formel vom dritten Weg einige Substanz zu verleihen. BK Schröder
wird es bei Worten belassen. Überhaupt erschöpft sich seine
Wirtschaftsfreundlichkeit darin, daß er gerne sagt, was die Wirtschaft
hören will. So hat er im Vorfeld des Leipziger SPD-Parteitages im
April 1998 noch erklärt: Mit mir gibt es keine Erhöhung
der Energiesteuern, und auch die Benzinsteuer ausdrücklich
in diese Absage einbezogen.
Es zeichnet sich allerdings
ab, daß die rot/grüne BReg ihr wirtschaftspolitisches Heil
zusammen mit den 10 anderen sozialistisch geführten EU-Regierungen
auf EU-Ebene suchen wird. Der Chefredakteur des französischen Le
Figaro hatte im Vorfeld der BTWahl behauptet, die Regierung Jospin wünsche
keinen Wahlerfolg der SPD. Das dürfte deswegen zutreffend gewesen
sein, weil die französischen Sozialisten ihre Wirtschaftspolitik
(Einführung der 35-Stunden-Woche) mit Hilfe deutscher Finanzspritzen
abfedern zu können hofften. Jetzt bleibt allen nur mehr der Weg über
die EU-Kommission.
Die Vorstöße
von BMF Lafontaine gegen die Deutsche Bundesbank sind, wenn auch aussichtslos,
tatsächlich auf sofortige Zinssenkungen abgestellt. Vor allem aber
will er die zukünftige EZB insoweit sturmreif schießen, wobei
er auf den Rückhalt seiner sozialistischen Kollegen setzt. Die bisherige
BReg hatte sich einer EU-Beschäftigungspolitik weitgehend widersetzt.
Lafontaine dürfte im Sinn haben, diese nunmehr voranzutreiben und
mit ihrer Hilfe die EZB unter Druck zu setzen.
Aus Sicht sowohl des
BMWi als auch der US-Botschaft wird die Kyoto-Nachfolgekonferenz nicht
zu inhaltlichen Ergebnis führen. Der US-Senat wird das Kyoto-Protokoll
bis auf weiteres auch nicht ratifizieren. Das könnte die neue BReg
bzw. die EU zum Festhalten an ihren derzeitigen CO2-Reduktionszielen
und damit zu ruhmreichen Alleingängen ebenfalls zu Lasten der Wirtschaft
verleiten.
Parteitag Bündnis 90/Die Grünen:
Prinzipalos gehen zwischen Fundis und Realos
unter
Die Kritik am Koalitionsvertrag hielt sich
in Grenzen. Als die Schmerzgrenze überschreitend, wurde weitgehend
übereinstimmend die Vereinbarungen zur Ausländerpolitik angesehen.
Fischer hatte aber auch diese Stimmung im Griff, wobei er zu Recht darauf
hinwies, daß eine 40%-Partei wie die SPD gezwungen sei, insoweit
auf die Haltung der Bevölkerung Rücksicht zu nehmen. Ernstlich
strittig waren nur Formalia: Der Verstoß gegen die satzungsmäßige
Quote bei der Besetzung der Ministerposten sowie die Forderung, die drei
Minister sollten gemäß bisheriger Übung ihre BTagmandate
zurückgeben. In der ersten Frage ergab schon die Probeabstimmung
nur der weiblichen Delegierten eine deutliche Mehrheit für den Satzungsverstoß.
Damit dürfte die Bereitschaft sowohl der Realos als auch der Fundis
feststehen, künftig grüne Prinzipien zugunsten der Machterhaltung
zurückzustellen. Die Restgruppe der Prinzipalos hat keine Chance.
- Die Mandatsfrage wurde auf 2 Jahre zurückgestellt. Daß auch
sie sodann im pragmatischen Sinn der Parteispitze entschieden
wird, ist absehbar.
SPD-Parteitag: Mit sich und den Grünen
zufrieden
Der insgesamt nur 5-stündigen
PTag war als rituelle Absegnung der Koalitionsvereinbarung angelegt. Er
wurde mit einer 1½-stündigen Rede vorwiegend von Lafontaine
bestimmt, während Schröder sich mit gut 30 Minuten begnügte.
Beide forderten im Hinblick auf die öffentliche Kritik am Start der
neuen BReg und besonders an ihren Steuerplänen Geduld ein. NRW-MP
Clement bezeichnete die Entlastungswirkung der angekündigten Steuerreform
als unzureichend für die Wirtschaft und deutete Befürchtungen
hinsichtlich der NRW-LTWahl in knapp zwei Jahren an (bei der nach dem
Bonner Regierungswechsel die CDU jedenfalls bessere Aussichten als vorher
hat). Die inhaltlichen Akzente setzte vorwiegend Lafontaine. Seine Aussage,
die Geldpolitik müsse Wachstum und Beschäftigung fördern,
stieß auf breite Zustimmung. Die Juso-Vorsitzende Nahles beschrieb
das politische Kräfteverhältnis in der Koalition zutreffend
mit der Bewertung, in der Koalition mit den Grünen sei die Programmatik
der SPD-Linken besser durchzusetzen als in einer SPD-Alleinregierung.
Schäuble: Fehlstart als CDU-Vorsitzender
Beim Einstieg in den CDU-Vorsitz hat Schäuble
keine Fortüne gezeigt. Vor allem gilt das für die Personalpolitik.
Mit Erwin Teufel scheidet der letzte erfolgreiche CDU-Politiker der alten
Bundesländer aus dem Parteipräsidium aus. Christian Wulff, der
nacheinander 2 Wahlen mit schlechterem CDU-Ergebnis als bei der jeweiligen
ebenfalls verloren gegangenen Vorwahl verloren hat, rückt ein. Frau
Merkel als Generalsekretärin ist eine Fehlbesetzung. Schon als BMU
war sie deutlich schwächer als ihr Vorgänger. Die angebliche
Affäre um die Kernelementtransporte hat sie zum Schaden der deutschen
Atomwirtschaft grundlos aufgebauscht. Das Handwerkszeug zur Führung
einer demokratischen Volkspartei war in der DDR noch weniger zu erwerben
als das zur Leitung einer Behörde.
Indem Schäuble - wie allerdings im Vorfeld
der BTWahl schon BK Kohl - aus koalitionspolitischen Gründen die
Grünen für seriös erklärt, entschärft er im Vorhinein
die Oppositionspolitik der Union. Das gleiche gilt für seine Aufforderung
an SED-Altmitglieder zum CDU-Eintritt.
Die Schäuble vom Spiegel (44/98) zugeschriebene
Äußerung, er sei ggfls. bereit, auch einem Unions-Kanzlerkandidaten
Stoiber den Weg zu ebnen, ist nach seinem Spiegel-Interview (45/98) kaum
als authentisch zu bewerten. Er stellt die Rückkehr der Union an
die Macht schon nach 4 Jahren in Aussicht und betont jetzt, er wolle selber
ins gelobte Land einziehen.
CSU in der Union gestärkt
MP Stoiber ist zur
Zeit der erfolgreichste Unionspolitiker und nach Kohl wohl auch der populärste.
Seine Rivalität mit Waigel hat er jetzt auf ganzer Linie zu seinen
Gunsten beendet. Von seiner Programmatik her ist er von allen Unionspolitikern
der geeignetste, die seit 1987 abgewanderten CDU-Wähler wieder zu
mobilisieren und somit insgesamt der logische Unions-Kanzlerkandidat für
die BTWahl 2002.
Diese Einsicht dürfte
sich in einem Zeitraum von rund zwei Jahren auch in weiten Teilen der
CDU durchsetzen. Gegenüber der Linie der CDU hat die der CSU auch
durch deren vergleichsweise besseres Abschneiden sowohl bei der bayerischen
LT- als auch bei der BTWahl eine Bestätigung erfahren.
CDU-Parteitag: Die Delegierten auf dem Weg
zur alten Mitte
Schäuble wurde mit unerwartet gutem Ergebnis
zum CDU-Vorsitzenden gewählt. Daß Merkel als Generalsekretärin
nahezu dasselbe Resultat erzielte, dürfte weniger die Zustimmung
als die Disziplin der Delegierten bezeugen. Das relativiert zugleich das
Schäuble-Ergebnis selber. Im Hinblick auf die Besetzung der Parteispitze
waren die Delegierten eben zu Gefälligkeitsvoten bereit. Für
die Stellvertreter- und Präsidiumswahlen galt das schon nicht mehr.
Die Parteilinke wurde mit einem blamablen Ergebnis für Blüm
und einem glatten Durchfall für Süßmuth zweimal abgestraft.
Im ersten Wahlgang hatte Süßmuth noch etwa doppelt so viel
Stimmen erzielt wie im zweiten. Offenbar haben rund 200 Delegierte das
Ergebnis des ersten Wahlgangs als Signal dafür aufgefaßt, daß
ein Gefälligkeitsvotum für Süßmuth nicht mehr geboten
war. Der hessische CDU-Chef Koch erzielte mit einer Vorstellungsrede,
in der er dem Vorstoß Schäubles zugunsten schwarz/grüner
Koalitionen eine deutliche Abfuhr erteilte, das beste Ergebnis bei der
Wahl zum Präsidium.
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