BTW 98 im Überblick - Revidierte Fassung*

Ich glaube nicht, daß Helmut Kohl gewinnen kann

Gerhard Schröder

 

 

 

Mögliche bzw. nicht unwahrscheinliche Ergebnisse künftiger Wahlen kann man grob abschätzen, indem man das Ergebnis der jeweils letzten Wahl zugrunde legt und sodann ausrechnet, wie groß die Wählerbewegungen ausfallen müssen, damit die Mehrheiten sich in bestimmter Weise verändern. Mehrheiten, die geringere Wählerbewegungen verlangen als andere, sind dann rechnerisch wahrscheinlicher.

Das Wichtigste vorweg:

Die CDU will der PDS den Einzug in den BT auch 1998 nicht dadurch verlegen, daß sie Gysi und Konsorten die 4 Direktmandate unterm SED-Hintern wegzieht. Bleibt es dabei, kommt sehr wahrscheinlich die Ampelkoalition. Möglich wäre auch die Große Koalition - die aber sowohl für Schröder als auch für die SPD weniger verlockend ist, schon weil die Union wahrscheinlich Hausherr im Kanzleramt bliebe. Rot/grün kommt als letzte, aber eher unwahrscheinliche Alternative in Betracht. Daß die bürgerliche Koalition überlebt, ist so gut wie ausgeschlossen.

Szenario I: Rot/grün?

Wählerbewegung: 4.300.000

Steht uns Rot/grün ins Haus? Nein - nicht mit PDS und FDP im Bundestag. Addiert man mit Schlaumeier Kohl bürgerliche und PDS-Stimmen, kommt man auf ein Plus von knapp 4,3 Mio. gegenüber Rot/grün. Wie sollte Schröder diesen stolzen Vorsprung der Kohl/Gysi-Allianz abtragen können?

Schaffen wird er das kaum. Aber sein bester Ansatzpunkt ist das Reservoir der PDS. Im bürgerlichen Lager wird er bei aller zur Schau getragenen Wirtschaftskompetenz nicht groß wildern können. Die abschließend verärgerten, nunmehr also in den Stand der Vergrätzten eingetretenen CDU-Wähler gehen in die Enthaltung, kaum noch zur FDP und schon gar nicht zur Konkurrenz. Aber integrationsbereiten PDSlern kann Schröder eine neue Heimat bieten. Jeder PDS-Wähler, den er bekehrt, verändert den Saldo zwischen Rot/grün und Schwarz/gelb/PDS um 2 Stimmen - könnte er alle 2 Mio. ködern, hätte er es fast schon geschafft.

Woraus folgt: Die PDS ist im nächsten BT-WK der heimliche Hauptgegner der SPD. Schröder wird sie nach Art der Vampire umarmen - wie Lafontaine im BT-WK 90 die "Grünen". Und andererseits ist die PDS für Kanzler Kohl die Rückversicherung gegen Rot/grün.

Szenario II - Große Koalition

Wählerbewegung: 100.000

Bestätigung der bürgerlichen Koalition unter Helmut Kohl? Nein - nicht mit der PDS im Bundestag.

1994 haben die im BT vertretenen Parteien 45 Mio. Stimmen geholt. Und wie groß ist der Abstand zwischen den Lagern? 24 zu 21 Mio.? 23 zu 22? Nein, gerade mal 144.718 Stimmen mehr hat die Koalition auf die Waage gebracht. Bei nur 100.000 CDU-Stimmen - das sind 0,2 % der gültigen Stimmen - weniger und sonst gleichem Ergebnis haben beide Blöcke 328 Sitze, und nur die Ampel- oder die Große Koalition schafft eine Kanzlermehrheit.

Das ist das eine. Und das andere: Bei keiner der letzten drei BTWen hat die Union weniger als 800.000 Stimmen verloren. Das war bei der Jubelwahl 90 der Abgang in den alten Bundesländern. Bei den BTWen ‘87, ‘90 und ‘94 haben CDU und CSU zusammen knapp 3,9 Mio. Stimmen verloren, während SPD und "Grüne" beide hinzu gewonnen haben, nämlich knapp über 500 Tausend bzw. gut 600 Tausend.

Diese Wähler sind abgesprungen, weil aus ihrer Sicht die CDU-geführte BReg nicht geliefert hatte, was sie jeweils von ihr erwarten zu können geglaubt hatten. Frage also: Reicht das CDU-Sündenregister der 13. Legislaturperiode, um 100 Tausend weitere Wähler über die Hemmschwelle vor dem Jetzt langt’s zu hieven? Oder hat etwa die BReg seit Oktober ‘94 eine solche Glanznummer aufs Bundesparkett gelegt, daß nunmehr alle ihre damaligen Wähler wie ein Mann hinter ihr stehen? Schröder - siehe Motto - glaubt das wohl eher nicht. Und für 100 Tausend, die den Daumen nach unten drehen, sollte allein schon die Vermarktung des Reichstages durch den Herrn Christo reichen. Am Wahltag, wenn Hunderttausende von CDU-Kernwählern mit sich rechten, ob sie den Weg zur Urne doch noch einmal auf sich nehmen wollen, schmerzt am meisten wohl dies: Der Linksaußen-Spruch zur Finanzmisere: Geld ist genug da - es ist nur falsch verteilt, hat sein CDU-Pendant in der bitteren Sottise gefunden: Geld ist genug da - es wird nur unnütz ausgegeben. Dergleichen ist heuer auf CDU-LPTagen zu hören, einstweilen noch im Foyer.

Die Kehrseite also der Medaille: Die Versicherung gegen Rot/grün, die PDS mit Listenmandaten im BT, ist zugleich der Garant des Endes der bürgerlichen Koalition.

Szenario III - Adieu, FDP

Wählerbewegung:

1.000.000 für FDP-Abgang

(weitere) 1.000.000 für Rot/grün

Die FDP kann immerhin noch rund 1. Mio. Stimmen abgeben, bevor die 5 %-Guillotine niedersaust. Da dürfte Szenario II mit 100 Tausend Verluststimmen für die CDU immerhin wahrscheinlicher sein. Aber welche Mehrheit regiert uns, wenn es die FDP denn doch ereilt?

Bei sonst gleichen Ergebnissen mit PDS die Große Koalition, ohne PDS Rot/grün. Also wieder ein guter Grund für uns Pfarrerstöchter, auf 3 Direktmandate der PDS zu setzen? Allenfalls bis zu dem gewissen Punkt. Das Polster gegenüber Rot/grün ist ja nun nicht mehr das alte. Sondern mit dem Wegfall der FDP-Stimmen von 4,3 Mio. auf rund 1 Mio. abgeschrumpft. Nimmt Schröder der PDS 200 Tausend Stimmen und holt außerdem aus der Wahlenthaltung 400 Tausend, während die CDU 300 Tausend und die CSU 100 Tausend verliert, kann Rot/grün schon abgehen, trotz PDS im BT.

Szenario IV - "Rote Socken raus!"

Wählerbewegungen in Berlin-Ost:

Mitte: 4.484 (CDU-Erststimmen 18.822)

Pankow: 7.710 (CDU-Erststimmen 31.887)

Friedrichshain: 21.893 (CDU-Erststimmen 25.861)

Marzahn: 33.957 (CDU-Erststimmen 26.394)

Summa summarum: 68044

4483 Erststimmen mehr als der SPD- hat also z.B. in Berlin-Mitte der PDS-Kandidat. Wenn die CDU dort z.B. auf die ohnehin aussichtslose Direktkandidatur verzichtet und ihre Wähler auffordert, die Erststimme dem SPD-Fritzen zu geben, hat die PDS schon ein Direktmandat weniger. Um die PDS von 30 auf zwei (Direkt-) Mandate im BT abzuschmelzen, reichen gut 12 Tausend Stimmen - und schon ist die Koalition gerettet. Für diese 12 Tausend Stimmen steht ein Reservoir von knapp 50 Tausend CDU-Erststimmen bereit.

Hier eine Gegenüberstellung des tatsächlichen Ergebnisses von ‘94 mit dem Ergebnis, das ohne PDS-Direktmandate zustande gekommen wäre:


mit PDS

ohne PDS



Überhangmandate*




ohne

mit

ohne

mit


CDU

232

244

244

251

CSU

50

50

52

52

FDP

47

47

49

49

Koal.

329

341

345

352

SPD

248

252

259

262

Grün

49

49

52

52

r/g

297

301

311

314

PDS

30

30



Opp.

327

331

311

314

* Ohne PDS fällt die Überhangmandats-Bilanz für die CDU etwas schlechter aus: tatsächlich hat sie 12 Überhangmandate erzielt, bei Wegfall der PDS wären es nur 7 gewesen. Die SPD hat tatsächlich 4Überhangmandate erzielt, bei Wegfall der PDS wären es immerhin noch 3 gewesen. - Im Szenario ohne PDS hätte die SPD trotz 4 zusätzlicher Direktmandate in Berlin-Ost in Berlin kein Überhangmandat erhalten.

 

Für die Rückversicherung gegen Rot/grün hat also Kohl-im-Glück - mit einem Vorsprung von 0,31 % der gültigen Stimmen sowie Überhangmandaten an Großer bzw. Ampelkoalition vorbeigeratscht - eine Bundestagsmehrheit von 19 Mandaten gegen eine von 5 Mandaten eingetauscht. Dabei wäre, bei ein bißchen Selbstbeteiligung, eine weitaus preiswertere Police zu haben gewesen. Schon bei Dreingabe von 12.000 Erststimmen hätte er die 19-Sitze-Mehrheit einsacken können - im PDS raus!-Szenario wechseln dann ja nur 2 oppositionelle Direktmandate den Besitzer. Zwar bietet diese Versicherung kein so fettes Polster gegen Rot/grün wie das, mit dem unser zahlenblinder Glückspilz gemäß Szenario I kalkuliert. Aber sollten satte 2,3 Mio. Stimmen nicht auch reichen? Soviel könnte die Koalition ohne PDS bei der BTW 98 in etwa lassen, bevor sie von Schröder und Fischer überholt würde.

Die Glücksritter-Versicherung hat ‘94 folgende Konditionen geboten:

  • Für die Versicherung gegen Rot/grün stehen 4,3 Mio. Wählerstimmen.
  • Für die Versicherung gegen Ampel- oder Große Koalition stehen 150 Tausend Wählerstimmen.
  • Die Wählerstimmenmehrheit der Koalition gegenüber Rot/grün wird zu einer um 2 Mio. PDS-Stimmen gekürzten Kümmermehrheit gegenüber dem Linksblock Rot/grün & Rote Socken, die sich in eine BT-Mehrheit von 5 Sitzen - ohne Überhang-Glück: von einem Sitz - umsetzt.

Die PDS raus!-Versicherung hätte ‘94 folgende Konditionen geboten:

  • Für die Versicherung gegen Rot/grün stehen 2,3 Mio. Wählerstimmen
  • Für die Versicherung gegen Ampel oder Große Koalition stehen ebenfalls 2,3 Mio. Wählerstimmen
  • Die Wählerstimmenmehrheit der Koalition gegenüber Rot/grün setzt sich in eine BT-Mehrheit von 19 Sitzen - ohne Überhang-Glück: von 17 Sitzen - um.

Rot/grün/gelb oder Schwarz/rot?

Die Große Koalition ist das Ende der FDP. Zur ersten Großen Koalition kam es 1966, und bei der BTW drei Jahre später verlor die FDP, wie zu erwarten, gut 40 % ihrer Stimmen - statt 9,5 % 1965 verblieben ihr ‘69 nur mehr 5,9 %. Sie hat immer - auch zu sozialliberalen Zeiten - mal zur besseren, mal zur schlechteren Hälfte von vergrätzten Wählern ihrer Koalitionspartner gelebt. Laien und andere Hintzes pflegen diese Erscheinung unter dem Falschetikett "Leihstimmen" zu verbuchen. Es handelt sich - im Fall der Union als Wirtsorganismus - aber nicht um Wähler, die wieder zur Union zurückzukehren gedenken. Die meisten tun es auch nicht - ihre nächste Station ist eher die Wahlenthaltung. Sie wollen nicht mehr die Union, wohl aber die Koalition gegen die Opposition stützen. Mit dem Ausscheiden der FDP aus der Koalition entfällt dies Motiv. 1969 mußte die FPD daher ihre CDU-Wähler fahren lassen. Von der Brand/Scheel-Regierung vergrätzte SPD-Wähler gab es noch nicht - also rutschte die FDP tief in die Miesen.

Mutatis mutandis wird sich dieser Vorgang nach einer Großen Koalition ’98 bei der BTW ‘02 wiederholen. Quasi strukturbedingt legt die FDP in der Opposition nicht zu, sondern schrumpft. Schafft sie ’98 überhaupt die 5 %, dürfte ihr Ausgangsniveau für ‘02 in etwa auch bei dieser Marke liegen, erheblich ungünstiger also als ‘69. Der Protest gegen die Große Koalition wird erneut von rechts (Gauweiler?!), und diesmal eben auch von links kanalisiert, aber jedenfalls kaum der FDP auf die Beine helfen. Auch die Personaldecke dürfte, konservativ geschätzt, eher dünner sein als damals. Welcher Führungsmannschaft sollte es zuzutrauen sein, die Partei unter diesen auf ganzer Linie erschwerten Bedingungen im zweiten Jahr des zweiten Jahrtausends erneut in den BT zu führen? Steht sie doch selbst als in der Regierung - einstweilen noch - erfolgreiche Steuersenkungspartei schon mit dem Rücken zur Wand.

Für die FDP also ist das Ampelangebot die Alternative zum Sterbebett. Dem Vorwurf der Wählertäuschung wird sie mit dem politisch korrekten Verweis auf Notstand angesichts der mit einer Großen Koalition für die Demokratie verbundenen Gefahren begegnen.

Was ist mit den "Grünen"? Natürlich kommt die Ampel nur, wenn Rot/grün sich nicht rechnet. Z.Zt. glauben die "Grünen" flügelübergreifend an die Machtergreifung anno 1998. Wie reagieren sie, wenn ihnen die rot/grüne Liebesheirat platzt, sie aber stattdessen zum rot/grün/gelben Dreier gebeten werden?

Her- und schließlich hingerissen. Sie wollen die FDP nicht retten, sondern aus den Parlamenten der Republik herauskatapultieren. Die Große Alternative würde nicht nur diesem Jagdinstinkt zupaß kommen, sondern ihnen auch noch SPD-Anhänger vom linken Rand zuhauf zutreiben. Andererseits wächst bei Fischer wie bei Trittin, mithin flügelübergreifend, mit den grauen Haaren auch die Ungeduld zur Macht. Für den Pazifisten-Stoßtrupp, der den Durchmarsch zur Regierungsbank frei schießt, kann Fischer keineswegs nur die Realo-Legionäre der Vespers und Sagers rekrutieren. Sondern alle Fundis mit Eigengewicht, deren Autorität beim Fundi-Flügel also nicht von Prinzipienreiterei abhängt, geben Flankenschutz. Noch nie haben Fundis eine Regierungsbeteiligung der "Grünen", wo immer sie möglich war, verhindern können.

Bleiben also Schröder sowie seine SPD. Der Mann ist natürlich opportunistischer als die Partei. Unterm Strich aber fällt die Rechnung für beide gleich aus: Juniorpartner der Union ist nach 16 Jahren Opposition - Wehner hatte 15 prophezeit - immerhin etwas, aber Kanzler sein oder ihn haben, selbst in der Kleckerkoalition, ist alles.

Fazit

Die FDP hat, wie so oft, fast recht: die Große Koalition wäre fatal. Zwar nicht für die Demokratie, wohl aber infolge des mittelfristig programmierten Absterbens der FDP für das politische Gleichgewicht der Bundesrepublik Deutschland. Die Union würde - bei anhaltendem parlamentarischen Mißerfolg der Rechten - im BT auf Dauer einem Linksblock gegenüber stehen, den sie mit der Umarmung der SPD selber kultivieren muß. Die heimliche Koalitionsspitze würde wie schon einmal von der inneren Koalition von Unions-Sozialflügel und SPD gestellt werden.

Hätte sich die Erste Große Koalition seinerzeit zum Mehrheitswahlrecht durchgerungen, wäre die FDP damals von der politischen Bühne verschwunden. Mittel- und langfristig hätte das dem politischen Gleichgewicht der Bundesrepublik Deutschland wohl eher gutgetan. Seitdem die "Grünen" etabliert sind, steht dieses Gleichgewicht unter wachsendem Linksdruck, der seit der Wiedervereinigung von der PDS noch verstärkt wird. Besiegelt die Zweite Große Koalition das Ende der FDP via 5 %- Klausel, bedeutet das den Durchbruch einer dauerhaften Linksverschiebung des politischen Koordinatenkreuzes.

Die Folgen der Kleckerkoalition für das politische Gefüge sind nicht in gleicher Eindeutigkeit auszurechnen. Einmal, weil sie die Überlebenschancen der FDP aufbessert, deren Schicksal also weniger klar vorgezeichnet ist. Vor allem aber deshalb, weil die Union sich im Kampf gegen die Linksregierung regenerieren könnte. Aber die Aussicht auf operativen Erfolg - Zurückeroberung der Regierungsmacht gegen vier Parteien - dieses einsamen Kampfes muß aus heutiger Sicht als auf absehbare Zeit düster gelten.

Vier Parteien? Die PDS würde sich als die linke Opposition gegen die Ampel noch nachhaltiger stabilisieren als gegen die Große Koalition, der auch die grüne Konkurrenz von links an die Wäsche geht. Die FDP - nun ja. Sie würde zunächst in der Ampel innere Opposition spielen, um Wählern damit zu imponieren, daß sie jeweils "das Schlimmste verhütet" habe. Das bringt ein paar Stimmen vom rechten SPD-Rand, versöhnt aber keinen einzigen Wähler, der ihr den Ampel-Umfall übelnimmt. Eine regenerierte Union könnte sie alle einsacken. Dann wären da noch die unvermeidlichen MdB-Deserteuere. Also eine etablierte Partei wäre die FDP in der Ampel noch weniger als heute. Wenn auch wegen des Regierungsbonus virtuell stabiler als bei Großer Koalition. Der Weg zurück aber wäre ihr verlegt. Reumütige Rückkehr in die Arme der Union? Bei umfallvergrätzter Eigenwählerschaft keine Wählerstimme aus unversöhnlicher Mitte, keine von der verprellten Linken! Fini. Mittel- und langfristig stabilisieren könnte sich die FDP nur in der, nicht gegen die selbstgewählte Ampel. Würde also zur Leutheusser-Schnarrenberger-Partei zurückmutieren müssen.

Linksdrift der FDP, eine nur mehr für uns feinere Nasen stinkende PDS - die Ampel läuft auf die gleiche Linksverschiebung hinaus wie die Zweite Große Koalition. Mit dem Unterschied einer CDU, die denkbarerweise so manchem ihrer Altwähler besser gefällt als die mit dem vor einem Vierteljahrhundert gekürten Boß. Nur daß eben diese gute alte CDU auf unabsehbare Frist - Wehners 15 Jahre wären da womöglich eher eine Kurzzeitperspektive - die Oppositionsbänke zu schmücken hätte.

ZGK oder Kleckerkoalition stehen ins Haus, wenn die PDS im 14. Deutschen Bundestag erneut mit Listenmandaten vertreten ist. Ihr die Direktmandate nicht unterm SED-Hintern wegziehen zu wollen, ist daher ein Vabanquespiel zu Lasten des ohnehin schwer bedrohten Gleichgewichts der Bundesrepublik Deutschland.

Ökonomische Wahrheiten

Gewerkschaften und ihnen nahestehende Parteien laufen Sturm gegen die Besteuerung von Zuschlägen. Von Arbeitgeberseite kam der Vorschlag zur Güte, die Zuschläge mit einem ermäßigten Satz zu versteuern und diesen die Unternehmen zahlen zu lassen.

Verkehrte Welten! Unternehmen sollen Lohnsteuer zahlen! Statt den Ausgleich für die steuerlich schlechter gestellten Schichtarbeiter durch Erhöhung der Zuschläge, der Löhne also zu schaffen. So war das doch immer - Unternehmen zahlen Löhne, und Arbeitnehmer versteuern sie.

Und es ist ja auch richtig, wenn der Staat aufhört, aus den Geldern aller Steuerzahler verkappte Lohnzahlungen für bestimmte Arbeitnehmer zu tätigen - in Form von Steuerbefreiungen. Die im Zuge der Steuerreform beabsichtigte Senkung der "Regeltarife" kommt allen zugute. Auch wenn dafür Vergünstigungen durch "Sondertarife" für Teile der Arbeitnehmerschaft entfallen. Denn auch diese profitieren ja davon, daß ihnen vom Regeleinkommen mehr bleibt.

Aber, heißt es jetzt, wenn die Regeleinkommen steigen und die Sondereinkommen sinken, dann wird die Bereitschaft zu Nacht- und Feiertagsschichten nochmals schwächer.

Das mag sein. Und somit geht es um Fragen wie: Ist es gut, wenn Unternehmen Sonderschichten fahren? Wenn Arbeitnehmer dazu bereit sind? Und im Hinblick auf die km-Pauschale: Ist es gut, wenn Arbeitnehmer lange Wege in Kauf nehmen? Wenn Unternehmen in weiten Einzugsbereichen anwerben? Das sind wichtige Fragen. Nur: Was gehen sie Staat und Steuerzahler an? Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind erwachsen und sollen alle diese wichtigen Fragen unter sich abmachen.

Will ein Nürnberger Unternehmen Arbeitnehmer aus dem Bayerischen Wald anheuern, übernimmt es eben die Fahrtkosten. Oder sieht sich doch lieber im Nahbereich um. Oder der Arbeitnehmer nimmt ein geringeres Nettoeinkommen hin. Oder schließlich: er zieht um. Auch Kosten für doppelte Haushaltsführung sind nur für eine bestimmte Zeit abzugsfähig. Also die Lösung: Volle km-Pauschale, aber nur für, sagen wir, ein halbes Jahr.

Was die Zuschläge angeht: Es gibt Unternehmen, die nicht so gut ausgelastet sind, daß sie Sonderschichten fahren könnten. Warum sollen Staat und Steuerzahler der florierenden Konkurrenz den reißenden Absatz noch versüßen, indem sie ihnen die Zusatzkosten teilweise abnehmen?

Und die Branchen, die technisch oder terminlich auf Nacht- und Sonntagsarbeit angewiesen sind? Und das Gesundheitswesen? Auch sie sollten sich mit der zunächst sicher bitteren Wahrheit anfreunden: Es ist nicht Sache des Staates, ihre Kostenlage zu schönen. Preise müssen die ökonomische Wahrheit sagen - das gilt auch für Löhne allgemein und Zuschläge im besonderen. Wenn sie keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken, sind sie nach dem strengen Maß dieser Wahrheit zu niedrig.