[Mit politisch ist im folgenden stets wahlpolitisch gemeint.]
Für eine Wiederherstellung der schwarz/gelben Hegemonie (und damit einer formalen Ausgangsbedingung des Modells Deutschland) gibt es heuer keinen politischen Grund. Nach dem rot/grünen September 1998 hat die Union sich als programmatisch impotent erwiesen, einen solchen Grund zu liefern. In der Opposition hat sich die Partei nicht re-, sondern ist weiter degeneriert.
Gleichwohl hat die Union mit Stoiber eine rechnerisch begründete Chance auf einen Quasi-Wahlsieg. Rechnerisch begründet ist diese Chance insofern, als sie bereits mit der zahlenmäßigen Gestalt des Wahlergebnisses von 1998 gegeben war und ist. Politisch ist seitdem ausschließlich die Chance hinzugekommen, daß die "Grünen" aus dem BTag ausscheiden (dazu: III, 7-13).
Diese Abstoiberchance rechnet sich wie folgt:
Ebenso wie die Partei hat Stoiber bis zu seiner Nominierung nichts getan, um solche Unionswähler zurückzugewinnen, die in der Kohl-Ära bei jeder BTWahl seit einschließlich 1987 kumulativ und mit dem Endergebnis des rot/grünen September in die Wahlenthaltung getrieben worden waren. Gleichwohl werden aus - politisch gesehen - Zufallsgründen von den zuletzt, also 1998, abgegangenen Wählern immerhin so viele zurückkehren, daß die Union über 37 Prozent erreicht.
Für die SPD ist mit einem - politisch gesehen - Zufallsschwund in derselben Größenordnung zu rechnen. Er beruht im wesentlichen auf dem Wegfall des 1998 wirksamen "Gegen die Schwarzen da oben" -Mobilisierungseffektes.
Für die Leitparteien ist demnach rechnerisch ein Ergebnis ab Union 37, SPD 39 bis Gleichstand bei 38 zu erwarten.
Mit Sicherheit nimmt die FDP aus - politisch gesehen - zufälligen Gründen zu. In etwa derselben Größenordnung wie die Union selber wird sie aus der Wahlenthaltung zurückkehrende Unionsanhänger aufsaugen.
Bei diesem Stand wäre der koalitionspolitische Ausgang unbestimmt. Schwarz/gelb könnte vor Rot/grün, würde sodann aber hinter Rot/grün/dunkelrot liegen.
Ein politischer Grund für ein Ausscheiden der PDS aus dem BTag ist nicht erkennen. (Da alle Demoskopen systematisch lügen, muß, aus hier nicht darzulegenden Gründen, eine saubere - d.h. hier insbesondere: nicht an Wettzwecken orientierte - Analyse insbesondere deren PDS-Zahlen ignorieren.)
Ein (wähler-) psychologischer Grund könnte allerdings gegeben sein: Nachdem die PDS 1990 keine Direktmandate erzielt hatte - wofür demnach der SED-Kern nicht ausreichte - war ihr das 1994 deswegen gelungen, weil in vier Wiedervereinigungsjahren genügend Nicht-SED-Ossis die Trotztour als Wählerhaltung entdeckt hatten. Diese Haltung hat sich sodann so weit ausgebreitet, daß sie 1998 für gut 20 Prozent in den neuen Ländern und damit für bundesweit 5 Prozent gereicht hat. Sollte das heuer nicht mehr der Fall sein, wären die Trotz-Ossis diese selbstbefriedigende Tour nunmehr leid. Wählertheoretisch gesprochen: Nach 12 Jahren hätten zunehmend auch Trotz-Ossis ein persönliches Verhältnis zur (Wahl-)Politik gefunden, und die Partei wäre auf ihr SED-Kernpotential geschrumpft.
In diesem Fall würde die PDS auch keine drei Direktmandate gewinnen, wofür sie ja auch 1994 bereits Trotz-Wähler benötigt hat. - Ob das letzte Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt einen solchen Trend belegt, muß hier offen bleiben.
Politisch gesehen, muß für eine saubere Analyse das Ausscheiden der "Grünen" aus dem BTag als nahezu gewiß gelten. Denn:
Bei jeder LTWahl seit dem rot/grünen September 1998 haben die "Grünen" mindestens jeden dritten ihrer (Vor-LTWahl-) Wähler verloren,
diese Verluste beruhen auf jeweils gut bestimmbaren politischen Gründen, welche jeweils unvermindert fortbestehen.
6,7 Prozent minus 2,2 Prozent macht 4,5 Prozent.
In der Wahlgeschichte der BR Deutschland gibt es zwei vergleichbare Serien, welche jedoch - anders als hier für die Serie der "Grünen" angesetzt - auf BTWahlen nicht bzw. scheinbar nicht durchgeschlagen haben:
die 1985 im Saarland einsetzende "Geißler-Schneise" ständiger CDU-Niederlagen bei LTWahlen, welche sich seit 1989 in einer Rühe- und sodann Hintze-Schneise fortgesetzt hat, tatsächlich mithin eine Kohl-Schneise war,
die Kinkel-Schneise ständiger FDP-Niederlagen bei LTWahlen nach der BTWahl 1990.
Zur Abschätzung der Aussicht der "Grünen", aus dem BTag nicht auszuscheiden, ist methodisch der Abgleich mit der Kinkel-Schneise angezeigt, welche 1994 nicht zum Ausscheiden der (Neben-Regierungspartei) FDP aus dem BTag geführt hat.
PDS - "Grüne" - SPD - CSU - CDU - FDP.
Die beiden Entscheidungen, seine Partei bei einer LTWahl nicht mehr, bei der folgenden BTWahl jedoch wieder zu wählen, werden also dem typischen FDP-Wähler vergleichsweise am leichtesten fallen. Ferner wird er seine (BTWahl-) Rückkehrentscheidung vergleichsweise am unabhängigsten von seiner (LTWahl-) Vorentscheidung treffen können: daß ein einmaliges Nein zu seiner Partei bei einer LTWahl zugleich ein endgültiges Nein, und damit auch ein Nein bei der nächsten BTWahl mitbedeutet, ist für den typischen FDP-Wähler vergleichsweise unwahrscheinlicher als für die Wähler aller anderen im BTag vertretenen Parteien.